Zähes Ringen um die Einheit

Zur Geschichte der arabischen Linken
Von Bernhard Kohlmann

Obwohl im Nahen Osten der Konflikt zwischen dem Imperialismus und den Völkern besonders scharf ausgetragen wird, gelang es dem Marxismus zu keiner Zeit, sich als dominante Ideologie durchzusetzen und den Befreiungskampf so auf eine höhere Stufe zu heben.

Als die Bolschewiki 1917 das Startsignal für die Weltrevolution gaben, führte dies zwar nicht zum erhofften Umsturz in den Industrieländern, doch die Wirkung dieses Ereignisses war dennoch auf der ganzen Welt spürbar. Mit einem Mal genoss die Idee des Kommunismus als allgemeines Versprechen menschlicher Emanzipation rund um den Globus Bekanntheit und Sympathie.

Mit dieser Entstehungsgeschichte waren dem Kommunismus in den kolonialen und halbkolonialen Ländern jedoch zugleich bereits schwere Defizite mit in die Wiege gelegt, was vor allem auch für die arabische Region zutraf. Denn was sich infolge der Oktoberrevolution um die Welt verbreitete, war weniger ein brauchbares politisches Instrument als vielmehr ein abstraktes Heilsversprechen. Die marxistische Theorie hatte bisher kaum Schriften über die industriell unterentwickelten Länder hervorgebracht, geschweige denn, dass diese ins Arabische übersetzt worden wären.

Es verwundert daher kaum, dass der Kommunismus nicht als Instrument zur Lösung gesellschaftlicher Probleme, sondern eher als neuester europäischer Trend seinen Eingang in die Gesellschaft fand. Folgerichtig entstanden auch die ersten Kommunistischen Parteien an den Rändern der arabischen Gesellschaft, aus jenen Gruppen, die dem Kolonialismus entweder kulturell besonders nahe standen oder sogar direkt von ihm profitierten. In Syrien und im Libanon waren es Armenier, in Ägypten Juden und Griechen, und in Algerien und Palästina europäische Siedler. Dies war die erste Schwierigkeit der jungen Kommunistischen Parteien, an der sie noch Jahrzehnte lang leiden sollten: Auch wenn es später noch zu erfolgreichen Bemühungen kommen sollte, die Parteien zu arabisieren, so blieben sie doch bis zuletzt in einer politischen Kultur verhaftet, die der europäischen näher war als der arabischen, was sich nicht zuletzt in ihrer Feindseligkeit gegenüber dem Islam ausdrückte.

Doch nicht nur die kulturelle Identität, auch die politische Theorie wurde aus Europa bezogen. Ungeachtet der realen Bedingungen und Kräfteverhältnisse in den arabischen Ländern wurde aus Europa die Gleichsetzung von Kommunismus und Proletariat übernommen. Begünstigt wurde dies durch den Aufstieg der Gewerkschaftsbewegung, die kommunistischen Ideen durchaus aufgeschlossen gegenüber stand. Die europäischen Arbeiter, die maßgeblich zum Aufbau der Gewerkschaften beitrugen, waren oft die selben, die das Herz der kommunistischen Bewegung bildeten. Durch diese begrenzten Erfolge geriet jedoch in Vergessenheit, dass das Proletariat weder den Willen noch die Stärke hatte, die revolutionäre Avantgarde zu bilden. Die Kommunistischen Parteien fungierten als Interessensvertretung der Arbeiter, ohne daraus einen politischen Führungsanspruch ableiten zu können.

Schließlich ergab sich aus der Orientierung auf Europa als letztes und auf lange Sicht vielleicht schwerwiegendstes Problem die Abhängigkeit von der Sowjetunion. Nirgendwo sonst war die Unterordnung unter die sowjetischen Direktiven so weitgehend wie bei den arabischen Kommunistischen Parteien, nirgendwo sonst außerhalb der Sowjetunion wurde die Stalinisierung so radikal durchgezogen. Die sowjetische Hilfe, die Anfangs sowohl auf organisatorischer Ebene – beim Aufbau schlagkräftiger Kaderparteien – als auch politisch – bei der Entwicklung eines scharfen antikolonialen Profils – eine wichtige Rolle gespielt hatte, wandelte sich Ende der 20er Jahre zu einem Fluch: Die straffen Organisationsstrukturen degenerierten zu stalinistischen Parteiapparaten, die jede Diskussion und jeden Versuch, sich von der sowjetischen Linie abzusetzen, im Keim erstickten, und die politischen Vorgaben bestanden aus einem Zick-Zack-Kurs, dessen Befolgung an Masochismus grenzte: Erst wurde die totale Unterordnung unter den bürgerlichen Nationalismus gefordert. Als diese Politik 1927 dazu führte, dass die Kommunistische Partei Chinas von der Guomindang massakriert wurde, vollzog die Komintern eine Wende um 180 Grad: Von nun an war allen Kommunistischen Parteien die Zusammenarbeit mit bürgerlichen Kräften verboten. Die ohnehin schon vorhandene verhängnisvolle Tendenz der arabischen Kommunisten, sich auf das Proletariat und die Bauernschaft zu beschränken, wurde mit Parolen wie "Klasse gegen Klasse" noch weiter bestärkt. Im Jahr 1935 kam es zu einer weiteren Verschlechterung der Lage, als die Komintern das Primat des Antifaschismus verkündete und ihre Mitglieder in ein Bündnis mit den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien zwang. 1939 wurde dieses Bündnis in Folge des Hitler-Stalin-Paktes ausgesetzt, nur um mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 wieder in Kraft gesetzt zu werden. Den Todesstoß versetzte die KPdSU ihren arabischen Bruderparteien schließlich 1948, als sie den soeben gegründeten Staat Israel anerkannte. Während die zionistischen Milizen 800 000 Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben, verteilten die Kommunisten Flugblätter an die arabischen Soldaten, nicht gegen Israel zu kämpfen, sondern nach Hause zu gehen, um ihre eigenen Herrscher zu stürzen. Dies löste nicht nur staatliche Repression und heftige Ausschreitungen gegen kommunistische Einrichtungen aus, sondern zerstörte auch das Ansehen der arabischen Kommunistischen Parteien nachhaltig. Was das Verhältnis zu den nationalistischen Kräften betrifft, so kehrte die Sowjetunion letztlich wieder zum Opportunismus der 20er Jahre zurück: Spätestens seit 1955, als Nasser seinen Flirt mit dem Osten durch den Kauf von tschechischen Waffen einleitete, galt für die Kommunistischen Parteien wieder die Unterordnung unter den bürgerlichen Nationalismus als oberstes Gebot.

Das allgemeine Versprechen von Modernisierung und menschlicher Emanzipation, das dem Kommunismus nach der Russischen Revolution anhaftete, war im arabischen Raum nicht weniger verlockend als in anderen abhängigen Ländern. Durch die effektive Kombination von disziplinierter Kaderpartei und Massenorganisation, welche die Kommunistischen Parteien den anderen politischen Kräften voraus hatten, wären sie auch organisatorisch in der Lage gewesen, das Zentrum der antikolonialen Bewegung zu bilden. Wegen ihrer kulturellen Fremdheit, ihrem orthodoxen Marxismusverständnis und ihrer Rolle als Werkzeug sowjetischer Außenpolitik kam es dennoch anders. Die Initiative glitt den Kommunisten Mitte des Jahrhunderts endgültig aus der Hand, und ein neuer Akteur riss sie mit aller Macht an sich.

Der arabische Nationalismus
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges fielen Syrien, Palästina, Jordanien, der Irak und der Libanon unter britische und französische Herrschaft, womit praktisch die gesamte arabische Welt mit Ausnahme Saudi-Arabiens unter europäischer Kontrolle stand. Als Reaktion auf diese Besetzung entstand zu Beginn der 20er Jahre – zunächst auf kulturellem Gebiet – der arabische Nationalismus oder Panarabismus. Nach Sati’ Husri, dem bedeutendsten Theoretiker des Panarabismus zu jener Zeit, sollten sich die Araber nicht an der französischen Idee orientieren, wonach die Nation ein politisches Projekt sei, sondern an der deutschen Vorstellung einer Kulturnation. So wie die deutsche Nation sich zuerst auf kulturellem Gebiet manifestieren musste, bevor sie 1871 schließlich politische Realität werden konnte, müsse auch in den arabischen Ländern damit begonnen werden, mittels Erziehung das Nationalbewusstsein zu stärken. Der arabische Nationalismus war also zunächst nicht mehr als die Bestätigung einer arabischen Identität gegen den Kolonialismus, ohne weitergehende politische Ideen zu formulieren.

Dies änderte sich in den 40er Jahren: Das Kleinbürgertum, das im Zustand politischer Ohnmacht dahinvegetierte, realisierte zunehmend, dass durch die Unfähigkeit der Kommunistischen Parteien, den Kampf gegen den Kolonialismus anzuführen, ein Machtvakuum entstanden war, in das es vorstoßen konnte. Leute, die teilweise in den 30er Jahren noch kommunistisch aktiv gewesen waren, wie etwa Michel Aflaq, der Gründer der Ba‘th-Partei, erkannten nun das Potenzial, das der arabische Nationalismus als politische Ideologie aufwies, nämlich aus Arbeitern, Bauern, dem Lumpenproletariat und dem städtischen Kleinbürgertum jene breite Front gegen den Kolonialismus zu formen, an deren Bildung die Kommunistischen Parteien gescheitert waren. Der Nationalismus sollte als ideologischer Kitt dienen, um die sozialen Gegensätze innerhalb dieses Bündnisses teils zu dämpfen, teils zu unterdrücken. Die Führung dieser antikolonialen Front beanspruchte das gebildete Kleinbürgertum für sich selbst, da es – ob nun in Form der Armee wie in Ägypten, oder in Form der Ba‘th-Partei wie in Syrien – die einzige Kraft bilde, die nicht von "egoistischen Klasseninteressen" getrieben sei, sondern nur das nationale Interesse verfolge. Bis zu einem gewissen Grad war diese Selbsteinschätzung sogar zutreffend, denn der einzige Weg, sich als herrschende Klasse zu etablieren, bestand für das Kleinbürgertum im Aufbau des Staatsapparates, der Armee und einer staatlich kontrollierten Wirtschaft, kurz in der Transformation in eine gewaltige Bürokratie.

Aus dieser Interessenslage entstand das zutiefst widersprüchliche politische Projekt des arabischen Nationalismus, dessen Wesen zugleich fortschrittliche und reaktionäre Elemente enthielt. Einerseits mussten die nationalistischen Regimes um ihrer eigenen Macht willen gegen Feudalismus und imperialistische Einflussnahme vorgehen, was eine beflügelnde Wirkung auf die revolutionären Kräfte hatte. Andererseits waren sie aus dem selben Grund auch gezwungen, jede eigenständige Organisierung des Volkes und jede soziale Forderung der unteren Schichten, die über ein gewisses Maß hinausging, zu unterdrücken, um die "nationale Einheit" – d. h. ihre eigene Herrschaft – nicht zu gefährden. Das führte dazu, dass der Panarabismus in jeder Streikbewegung und in jeder Kommunistischen Partei, selbst wenn diese politisch mit ihm konform gingen, zunächst vor allem eine Bedrohung seiner Macht und nicht einen möglichen Bündnispartner sah. Dies zeigte sich nicht nur in Ägypten, wo sich nach der Revolution von 1952, obwohl offiziell alle Parteien verboten waren, die Repression fast ausschließlich gegen Kommunisten und Gewerkschafter richtete, während die Moslembruderschaft zunächst unbehelligt blieb. In Syrien war die Angst der Ba‘th-Partei vor der Kommunistischen Partei sogar so stark, dass sie sich 1958 freiwillig ihrem panarabistischen Konkurrenten Gamal Abdel Nasser unterordnete, damit dieser im Rahmen der Vereinigten Arabischen Republik (VAR) mit der kommunistischen Bedrohung aufräume. Selbst der irakische Präsident ‘Abdulkarim Qasim, der vergleichsweise eng mit der Kommunistischen Partei des Irak kooperierte, war peinlichst bemüht, diese von der Macht fern zu halten, und zog es 1963 angesichts des reaktionären Ba‘th-Putsches sogar vor, gemeinsam mit ihr unterzugehen, statt dem Volk Waffen auszuhändigen und dadurch einen Machtgewinn für die Kommunistische Partei zu riskieren. Auch die algerische FLN, die 1962 nicht durch einen Militärputsch, sondern durch einen wirklichen Volkskrieg an die Macht kam, schaltete zuerst die Linke aus. Noch unter Ahmed Ben Bella, der eigentlich die revolutionäre Seite der FLN verkörperte, wurde nicht nur die Kommunistische Partei Algeriens verboten (was angesichts ihrer pro-kolonialistischen Vergangenheit noch verständlich war), sondern auch die Autonomie der Gewerkschaften aufgehoben und der linke FLN-Flügel systematisch zurückgedrängt, wodurch der Machtübernahme durch Houari Boumédienne 1965 der Weg geebnet wurde.

So wichtig der arabische Nationalismus also für die Entwicklung der arabischen Revolution auch war, stellte er ab einem gewissen Punkt doch ein Hindernis für ihre weitere Entfaltung dar. Auch die Kommunistischen Parteien konnten zumeist nur wenig gegen diese reaktionäre Seite des Panarabismus unternehmen, kämpften sie doch immer noch mit ihren alten Problemen. Sie waren in erster Linie immer noch die Interessensvertretung der Arbeiter, die der politischen Entwicklung hinterher hinkten. In diese Rolle wurden sie auch von der Sowjetunion gedrängt, die dies damit begründete, dass der nationalistischen Bourgeoisie beim Aufbau der Nation die Führung zukomme, und die Aufgabe der Kommunistischen Parteien daher darin bestünde, sie kritiklos zu unterstützen und höchstens minimale Verbesserungen für die Arbeiter einzumahnen. Das tragischste Beispiel dieser Politik sind zweifellos die bereits erwähnten Ereignisse im Irak, wo die Kommunistische Partei zwischen 1958 und 1963 aufgrund der sowjetischen Anweisungen darauf verzichtete, die Macht zu übernehmen, und somit ihre eigene Vernichtung einleitete. Nachdem der Ba‘th-Terror im Zuge des Putsches von 1968 ein zweites Mal über die Kommunistische Partei des Irak gekommen war, setzte sie noch eins drauf und trat 1973 ohne reale Macht in die Regierung ein, um die Ba‘th-Herrschaft endgültig zu stabilisieren. In Syrien verlief die Entwicklung friedlicher, aber das Ergebnis war auch hier, dass die Kommunistische Partei 1970 ein Teil des Ba‘th-Regimes wurde, ohne signifikanten Einfluss auf dessen Politik auszuüben. In Ägypten ging die Unterordnung sogar so weit, dass die wichtigsten kommunistischen Parteien (es gab hier nicht eine große Partei) sich 1965 selbst auflösten und ihren Mitgliedern empfahlen, sich individuell um Aufnahme in die Einheitspartei Arabische Sozialistische Union (ASU) zu bemühen, um so die Politik des Landes mitzubestimmen. Man kann sich unschwer vorstellen, dass sie dort ein leichtes Opfer der Bürokraten wurden, und so wie ihre irakischen und syrischen Genossen in der Bedeutungslosigkeit verschwanden.

Mit der Ausschaltung der Linken schaufelte sich der arabische Nationalismus jedoch sein eigenes Grab, denn auch wenn das Kleinbürgertum einen der dynamischsten Faktoren der arabischen Revolution darstellte, war es doch nicht in der Lage, dem Imperialismus alleine – ohne die Macht des organisierten Volkes – langfristig zu trotzen. Teilweise wurde dieses Problem auch erkannt und versucht, es durch eine Kursänderung nach links zu beheben, doch diese Versuche blieben letztlich zu zaghaft. Eine Beteiligung anderer Kräfte an der Macht oder gar eine echte Demokratisierung wurde nie zugelassen.

In Ägypten begann Nasser 1961 die sozialistische Phase, indem er den Großteil der Banken und Unternehmen verstaatlichte. 1964 wurden auch die meisten Kommunisten aus dem Gefängnis entlassen und bekamen das Angebot, individuell in die ASU einzutreten. Manche Berichte deuten darauf hin, dass Nasser tatsächlich vorhatte, einige Kommunisten auf bedeutende Posten zu setzen um so den revolutionären Prozess zu stärken, dieser Plan jedoch am Widerstand der Bürokratie scheiterte. In jedem Fall war es ein Anzeichen für die Unfähigkeit des nasseristischen Regimes, die Revolution über einen gewissen Punkt hinaus zu führen. Es ist bezeichnend, dass die Partei, die Nasser bei seinem Tod 1970 hinterließ, gegenüber dem Aufstieg des pro-imperialistischen Sadat-Regimes ohnmächtig war.

Die Entwicklung nach links war radikaler in Syrien, wo die alte Garde der Ba‘th um Michel Aflaq und Salah ad-Din al-Bitar ab Beginn der 60er Jahre zunehmend von der jungen Generation um das Militärkomitee entmachtet wurde. Den alten Führern wurde vorgeworfen, die Partei unter den Einfluss der Bourgeoisie gebracht und sie in der Zeit der VAR mutwillig zerstört zu haben. Gefordert wurde nun eine demokratische Revolution der organisierten Massen unter Führung der Ba‘th. Statt einer wirklichen Revolution kam es letztlich zwar nur zu einer Aufeinanderfolge mehrerer Putsche, welche die Macht des linken Ba‘th-Flügels konsolidierten, sodass eine wirkliche Demokratisierung auch hier ausblieb, doch hat die syrische Ba‘th-Partei es dank ihres revolutionär-demokratischen Anspruchs immerhin als einziges arabisches Regime geschafft, bis heute als antiimperialistische Kraft fortzubestehen.

Hingegen wurde der Ba‘thismus im Irak ein leichtes Opfer des Imperialismus. Die Ba‘th kam hier 1968 endgültig an die Macht und setzte unter anderem mit der Verstaatlichung des Erdöls in den 70er Jahren ebenfalls ein sehr fortschrittliches Wirtschaftsprogramm um. Ein demokratischer Anspruch wie in Syrien bestand hier jedoch nie, sodass sich angesichts der amerikanischen Aggression kaum jemand fand, das Regime zu verteidigen.

In Algerien verlief die Entwicklung ähnlich wie in Ägypten. Zwar waren hier die politischen Koordinaten durch die Revolution als Geburtsstunde des FLN-Staates von Anfang an weiter nach links verschoben als in anderen Ländern; die Beteiligung des Volkes wurde aber von Anbeginn – und noch verstärkt seit dem Sturz Ben Bellas durch Boumédienne 1965 – systematisch zurückgedrängt, sodass es keine Kraft gab, die den inneren Verfall des Regimes hätte verhindern können.

Unter dem Banner des arabischen Nationalismus erhob sich das Kleinbürgertum um die Mitte des 20. Jahrhunderts, die arabische Revolution aus ihrer Lethargie zu befreien, und riss dabei die anderen Teile des Volkes mit sich. Geleitet von einer vagen Vorstellung von nationaler Einheit musste es sich aber auch stets gegen die Massen richten, die es eben noch selbst mobilisiert hatte, da diese aus seiner Sicht besagte Einheit gefährdeten. Erst als sich die Erkenntnis durchsetzte, dass mit der Bourgeoisie kein Staat zu machen ist, begann eine zögerliche Annäherung an linke Positionen, doch zu einer wirklichen Befreiung der arabischen Revolution von ihrer bürokratischen Verkrustung war das Kleinbürgertum nicht bereit. Hierzu bedurfte es erst einer großen Erschütterung.

Eine neue Hoffnung
Diese Erschütterung kam 1967 mit dem Überfall Israels. So wie es 1948 die Niederlage der alten Feudalgesellschaften gegen Israel war, die das allgemeine Verlangen nach Modernisierung in Form des arabischen Nationalismus hervorgebracht hatte, um die Katastrophe rückgängig machen zu können, so waren es nun die nationalistischen Regimes, die ihre Bewährungsprobe in der Konfrontation mit dem Zionismus ablegen mussten. Und auch sie versagten. Wieder wurden die arabischen Armeen vernichtend geschlagen, wieder wurde arabisches Land von Israel besetzt. Weder 1948 noch 1967 darf außer Acht gelassen werden, dass der Sieg vor allem von den moderneren Waffen errungen wurde, die in beiden Fällen auf israelischer Seite waren. Dennoch bedeutete die Niederlage von 1967 auch ein politisches Versagen des Panarabismus. Was versagte, war die unvollständige Revolution, die vor allem in der ägyptischen Armee weiterhin hierarchische Strukturen wie zu Zeiten des Feudalismus belassen hatte. Diese schwerfällige Struktur verunmöglichte nicht nur eine schnelle Reaktion auf den israelischen Überraschungsangriff, sondern unterlag auch im weiteren Verlauf der Kampfhandlungen den mobilen israelischen Einheiten.

Doch anders als 1948 und entgegen den Erwartungen vieler Beobachter bestand die Folge des Krieges diesmal nur teilweise in einer weiteren politischen Radikalisierung. Die Enttäuschung und der Schock dieser deutlichen Niederlage nach Jahrzehnten der Anstrengung saßen zu tief. Mancherorts wurde sogar der Schluss gezogen, dass mit Israel und dem Imperialismus ein Modus vivendi gefunden werden müsse, da ein militärischer Erfolg unmöglich sei. Am deutlichsten wurde diese Tendenz zweifellos durch Sadat ausgedrückt, der nach Nassers Tod 1970 ägyptischer Präsident wurde. Aber auch in Syrien kam es 1970 mit der Machtergreifung von Hafiz al-Assad zu einer kleinen Konterrevolution, obgleich diese nicht annähernd so weit reichend war wie in Ägypten. Bezeichnender Weise gaben sowohl al-Assad als auch Sadat ihrer Politik den Namen "Korrekturbewegung" bzw. "Korrekturrevolution".

Doch es gab innerhalb des arabischen Nationalismus auch eine gegenläufige Tendenz, die zur Geburt einer neuen arabischen Linken führte. Verkörpert wurde dieser Transformationsprozess vor allem von der Bewegung der Arabischen Nationalisten (BdAN). Gegründet 1952 in Beirut von vorwiegend palästinensischen Studenten um George Habash, war die BdAN eine klassische panarabistische Organisation, deren Ziel die Revolutionierung der Gesellschaft war, um die Nakba rückgängig machen zu können. Nach Nassers Triumph in der Suez-Krise bekannte sie sich voll und ganz zum ägyptischen Präsidenten, was der Beginn einer Zusammenarbeit zum beidseitigen Nutzen war, denn im Unterschied zur Ba‘th hatte Nasser keine panarabistische Organisation, über die er in anderen Ländern Einfluss ausüben konnte. Umgekehrt konnte sich die BdAN in Nassers überwältigendem Ruhm sonnen und sich so in vielen arabischen Ländern als die nasseristische Organisation einen festen Platz in der politischen Landschaft sichern. Bereits zu Beginn der 60er Jahre kam es jedoch zu ersten Spannungen. Die wichtigste Basis der BdAN bildeten nämlich nach wie vor die palästinensischen Massen in den Flüchtlingslagern, und aller panarabischen Euphorie zum Trotz hatte es in der Frage der Rückeroberung Palästinas, die eigentlich den Dreh- und Angelpunkt der politischen Existenz der BdAN darstellte, mittlerweile keine Fortschritte gegeben. Die Angelegenheit war um so dringlicher, als die Fatah als neue Kraft auftauchte und der BdAN ihren Platz streitig machte, indem sie in den Lagern das verlockende Angebot verbreitete, die Palästinenser könnten selbst für die Befreiung ihrer Heimat kämpfen. Während sich also Nasser nur zaghaft nach links bewegte und die Palästinenser am liebsten vollständig unter Kontrolle gehalten hätte, forderte die BdAN eine größere Rolle für die Palästinenser und die Beschleunigung des revolutionären Prozesses, inklusive der Adaption marxistischer Ideen, um endlich für die Schlacht mit Israel bereit zu sein.

Nach der Niederlage von 1967 eskalierte der Konflikt. Die BdAN sagte sich von Nasser los und hörte als gesamtarabische Partei zu existieren auf. Ihre einzelnen Ableger wandelten sich in marxistische Organisationen um, die teilweise eine bedeutende Rolle in ihrem jeweiligen Land spielten. Im Südjemen konnte eine solche Nachfolgeorganisation 1969 sogar die Macht erobern und den bislang einzigen arabischen sozialistischen Staat errichten, die Demokratische Volksrepublik Jemen (1969–1990). Aber die zentrale Entwicklung fand in der palästinensischen Diaspora statt, wo sich die BdAN in die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) umwandelte. Durch die Ausdehnung der zionistischen Besatzung auf den Gazastreifen und das Westjordanland war die Frage der Befreiung Palästinas einerseits dringender denn je geworden, andererseits hatte sich gezeigt, dass die arabischen Regime dabei keine große Hilfe waren. Die Ungerechtigkeit, welche die Araber durch den Imperialismus erdulden mussten, und die Unfähigkeit ihrer Regimes, sich dagegen zu wehren, fanden beide ihren schändlichsten Ausdruck in der weiterhin andauernden Besatzung Palästinas. Die palästinensischen Flüchtlinge, die mehr als sonst jemand unter diesem Unglück litten, wurden daher zur Avantgarde der arabischen Revolution und in enger Verbindung mit diesem palästinensischen Nationalismus entwickelte sich der fortschrittliche Teil des Panarabismus zu einer neuen arabischen Linken weiter.

Es war jedoch zu spät. Der Sechs-Tage-Krieg von 1967 hatte die Kräfteverhältnisse in der Region so stark verschoben, dass die neue Linke zum Scheitern verurteilt war. Den Anfang der Konterrevolution machte der jordanische König Hussein, als er im September 1970 der PLO den Krieg erklärte und palästinensische Flüchtlingslager bombardieren ließ. Nasser schaffte es zwar vorerst noch, das Schlimmste zu verhindern, indem er einen Waffenstillstand zwischen Hussein und Arafat vermittelte, doch war seine Position als Folge von 1967 bereits zu sehr geschwächt, um den bedrohten Fedayin eine wirkliche Hilfe sein zu können. Auch Syrien spielte nicht gerade eine glorreiche Rolle. Zwar schickte die Regierung einige Panzerverbände zur Unterstützung, doch der damalige Verteidigungsminister Hafiz al-Assad verweigerte die Luftunterstützung, sodass die Panzer ein leichtes Ziel für die jordanische Luftwaffe wurden und keinen signifikanten Einfluss auf den Verlauf der Kämpfe hatten. Als wenig später Nasser starb und al-Assad in Syrien die Macht ergriff, waren die Palästinenser endgültig zum Abschuss freigegeben. Tausende kamen ums Leben und die PLO musste Jordanien, das bisher ihre wichtigste Operationsbasis gewesen war, verlassen.

Der nächste Schlag erfolgte im Libanon, wo sich 1975 eine Koalition linker und muslimischer Kräfte anschickte, das konfessionelle Proporzsystem zu beseitigen, das der französische Kolonialismus eingerichtet hatte, um auch nach der formellen Unabhängigkeit des Landes weiter seinen Einfluss sicher zu stellen. Auch die PLO, die nach dem jordanischen Schwarzen September ihr Hauptquartier in den Libanon verlegt hatte, wurde zunehmend in die Kämpfe hineingezogen, sodass die Linke die Oberhand gewann und den Sieg schon fast in der Tasche hatte. Wieder war es Assad, der den fortschrittlichen Kräften in den Rücken fiel: 1976 überschritten syrische Truppen die Grenze und machten der libanesischen Revolution ein Ende. Als 1982 dann auch noch Israel einmarschierte und die PLO aus Beirut vertrieb, war dies das Ende der palästinensischen Diaspora als Avantgarde der arabischen Revolution.

Die Niederlage von 1967 führte dazu, dass der fortschrittlichste Teil des arabischen Nationalismus endlich aufwachte und sich zu einer neuen Linken weiterentwickelte, welche die Palästina-Frage in den Mittelpunkt stellte und nicht mit den Fehlern der alten Kommunistischen Parteien behaftet war. Zugleich waren die Auswirkungen der Niederlage jedoch so weit reichend, dass die neue Linke keine Chance mehr hatte, sich durchzusetzen. 1982 lagen nicht nur die Linke und die PLO am Boden, sondern die arabische Revolution insgesamt: Das ehemalige panarabistische Bollwerk Ägypten hatte sich zu einem imperialistischen Vasallenstaat gewandelt, der Irak war durch den sinnlosen Krieg gegen den Iran neutralisiert, und Syrien wurde durch die israelischen Besatzungstruppen im Libanon in Schach gehalten. Gleichzeitig waren die Übel, gegen die der arabische Nationalismus angetreten war, keinesfalls beseitigt. Zwar war die direkte Kolonialherrschaft (mit Ausnahme Palästinas) abgeschüttelt, doch die wirtschaftliche Abhängigkeit und die daraus resultierende Armut waren noch ebenso drastisch zu spüren wie die ständige Bedrohung durch den Zionismus, die durch die Libanoninvasion ein weiteres Mal besonders deutlich ins Bewusstsein getreten war. Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis sich der Widerstand neu formieren würde.

Der politische Islam
Dennoch war der Verlust einer großen Vision für die ganze Region – wie es Sozialismus und Panarabismus gewesen waren – spürbar, sodass die Neuformierung zunächst auf lokaler Ebene stattfinden musste. In Algerien und Ägypten gab es starke soziale Proteste, im Libanon wuchs der Widerstand gegen die israelische Besatzung, und die PLO ging dazu über, sich auf die Organisierung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten zu konzentrieren, was 1987 schließlich in der ersten Intifada mündete. Gerade das Beispiel Palästinas offenbarte jedoch auch die große Schwäche dieser vereinzelten Bewegungen, denn auch wenn die Intifada eindrucksvoll Zeugnis vom Kampfeswillen und vom politischen Niveau des palästinensischen Volkes ablegte, so führte sie ohne bedeutende arabische Unterstützung und unter dem zusätzlichen Wegfall des sowjetischen Gegengewichts zum Imperialismus schließlich doch nur zum Oslo-Abkommen, der Karikatur eines eigenen Staates.

Es kann nicht verwundern, dass unter diesen schwierigen Bedingungen sich der politische Islam letztlich fast überall als dominante Form des neu entstandenen Widerstandes durchsetzte. Die Popularität der nicht-religiösen Ideologien hing direkt von ihren Erfolgsaussichten ab, um welche es seit damals nicht gut bestellt ist. Der Islam hingegen vermochte es, den Menschen eine Identität zu geben, unabhängig von Sieg oder Niederlage. Der Aufstieg islamischer Organisationen begann oft, als sich die Menschen bereits enttäuscht von den nationalistischen und linken Ideen abwandten und Trost in der Religion suchten. In dieser Funktion, d. h. als Alternative zur (linksorientierten) politischen Betätigung wurden diese Organisationen auch von den Herrschenden gefördert, was ihren Einfluss noch steigerte. Doch der eigentliche Grund ihres Erfolges lag tiefer, nämlich darin, dass sie einer Gesellschaft, der die Perspektive abhanden gekommen war, eine neue Idee geben konnten und hierbei große politische Flexibilität bewiesen: In Momenten des politischen Stillstandes bestanden sie vor allem als religiös-karitative Organisationen, doch im Augenblick der Neuformierung des Widerstandes vermochten sie am Ball zu bleiben und selbst zum Ausdruck dieses Widerstandes zu werden. Dies zeigte sich nicht nur in Palästina, wo sich die bis dahin politisch inaktiven Moslembrüder mit Ausbruch der Intifada 1987 in die Hamas umwandelten und aktiv an der Bewegung teilnahmen; auch im Libanon entstand auf dem von der quietistischen Bewegung des Musa as-Sadr bereiteten Boden 1982 die Hizbullah, die zum schlimmsten Albtraum der israelischen Besatzer werden sollte. Auch in Algerien und Ägypten entstanden islamistische Organisationen, die eigentlich den sozialen Konflikt beruhigen sollten, dann aber selbst dessen Ausdruck wurden. Eine Ausnahme stellt Syrien dar, wo bis heute ein panarabistisches Regime herrscht, das über eine gewisse Verankerung in der Bevölkerung verfügt. Der politische Islam war hier vor allem eine Bewegung der sunnitischen Handelsbourgeoisie, die sich gegen den alawitischen Staatskapitalismus richtete, und konnte daher – bar eines wirklichen Massenanhangs – bereits 1982 militärisch ausgelöscht werden.

Marxismus, Nation und Islam
Anfang der 20er Jahre war für die arabische Region – ebenso wie für andere koloniale und halbkoloniale Länder – die Aufgabe der nationalen Befreiung und der demokratischen Revolution aktuell geworden. Die dahingehenden Hoffnungen und Aspirationen, die von der überwältigenden Mehrheit des Volkes geteilt wurden, fanden ihren ideologischen Ausdruck im aufkommenden arabischen Nationalismus. Die Kommunisten, deren Aufgabe es gewesen wäre, sich an die Spitze dieser inhomogenen nationalistischen Bewegung zu stellen, um sie von ihren Schwächen zu befreien und der demokratischen Revolution letztlich zum Sieg zu verhelfen, zogen sich aus den im ersten Abschnitt behandelten Gründen auf einen abstrakten „proletarischen Klassenstandpunkt“ zurück und überließen die Führung dem Kleinbürgertum, an dessen Widersprüchen letztlich die ganze Bewegung schweren Schaden nehmen sollte; denn an einer umfassenden Mobilisierung des Volkes hatten die kleinbürgerlichen Kräfte kein Interesse, sodass der Kampf um nationale Unabhängigkeit seiner revolutionären Spitze beraubt wurde. Erst als bereits der Niedergang des arabischen Nationalismus einsetzte, entwickelten sich Teile von ihm in marxistische Richtung weiter, doch da war es bereits zu spät. Linke und Nationalisten gingen gemeinsam unter.

Der politische Islam, der aus den Trümmern dieser Niederlage zunehmend zur dominanten Idee im arabischen Raum aufstieg, stellt von seiner soziologischen Struktur her zu weiten Teilen eine Wiedergeburt des ursprünglichen arabischen Nationalismus dar. Zwar war er als Gegengewicht zu Linken und Nationalisten entstanden, doch konnte er nach dem Niedergang dieser Ideologien nicht umhin, seinerseits das Verlangen des Volkes nach sozialer Gerechtigkeit und nationaler Souveränität in sich aufzunehmen. So wie der arabische Nationalismus ist auch der politische Islam vor allem eine Bewegung der kleinbürgerlichen Intelligenz, die sich – nachdem sie jahrzehntelang systematisch gefördert worden war – plötzlich einer völligen Perspektivlosigkeit gegenübersieht, und des Lumpenproletariats, das vom 20. Jahrhundert auch nicht mit einer Verbesserung seiner Lage gesegnet wurde. Auch die politischen Ideen, die hieraus resultieren, sind ähnlich: Beide haben dieselbe Konzeption eines Klassenkompromisses von oben, bei dem die Interessen der Unterschicht zwar berücksichtigt werden, ihr aber keine eigenständige politische Organisation zugestanden wird. Selbst wenn derartige Bewegungen im schärfsten Konflikt mit dem Imperialismus stehen, gibt es keinen Automatismus, dass sie sich unter diesen Bedingungen um eine größere Beteiligung des Volkes am Kampf bemühen. Sie versuchen, den Kampf der Massen durch den Militarismus einer Elite zu ersetzen. Wie beim arabischen Nationalismus gilt somit auch für den politischen Islam, dass er keine Bewegung ist, die durch ihren Klassengehalt bereits hinreichend charakterisiert werden könnte, sondern dass sie einen relativ großen Spielraum für den Einfluss lokaler Faktoren lässt. Jene Kräfte, die es wie die Hizbullah verstanden, sich der Gesellschaft zu öffnen, konnten großartige Erfolge feiern, während das Sektierertum der al-Qa‘ida dem irakischen Widerstand großen Schaden zufügt.

Angesichts dieser Situation laufen große Teile der Linken heute Gefahr, alte Fehler zu wiederholen. So wie sie damals einen falschen Widerspruch zwischen dem arabischen Nationalismus und ihrem proletarischen Internationalismus konstruierten, so weigern sie sich heute aus ideologischen Gründen, anzuerkennen, dass die Religion politisch eine fortschrittliche Rolle spielen kann. Zu Recht bemerken sie, dass sowohl das Konzept der Nation als auch das des Islam die Klassenwidersprüche verdeckt, doch sie vergessen, dass jedes Bündnis bis zu einem gewissen Grad auf der Verdeckung von Widersprüchen basiert. Heute gibt es noch weniger als in den 30er Jahren eine starke proletarische Bewegung, die dem Sieg entgegensteuert, und deren reines Klassenbewusstsein man daher mit aller Schärfe gegen das Kleinbürgertum abgrenzen könnte. Was es gibt, ist eine breite Front aus verschiedenen sozialen Schichten, die unverändert vor der Aufgabe steht, die politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Imperialismus zu erkämpfen. Sowohl die Nation als auch der Islam sind Konzepte, um diese Front zu konstituieren und zu mobilisieren, was der Marxismus eben nicht zustande gebracht hatte.

Nüchtern betrachtet haben die Linke und die islamische Bewegung heute durchaus konvergierende Interessen. Letztere steht in einem Konflikt mit dem Imperialismus, der zunehmend an Schärfe gewinnt. Um dabei zu gewinnen, muss sie sich politisch weiterentwickeln, d. h. verstärkt die Organisierung des Volkes fördern und die Spaltung in verschiedene Richtungen (nicht nur jene zwischen Schiiten und Sunniten) überwinden. Die Linke hat ihrerseits die Aufgabe, den Kampf gegen den Imperialismus – egal in welcher Form er sich manifestiert – zu unterstützen und dabei zu helfen, seine Schwächen zu überwinden. Beide haben also ein Interesse daran, den politischen Islam zu einer wahren Befreiungstheologie weiter zu entwickeln; doch dies wird nicht automatisch passieren, sondern erfordert von beiden Seiten Dialogbereitschaft. Als der Marxismus und der arabische Nationalismus nach fast 50 Jahren endlich zu einem gemeinsamen politischen Projekt gelangten, war es bereits zu spät; es bleibt zu hoffen, dass es diesmal schneller geht.