Nation als Einbildung?

Ein Einspruch
Von Wilhelm Langthaler

In der Ausgabe Nr. 27 der Intifada zieht Bruno Bullock eine gerade, ja zu gerade Linie zwischen Islamophobie und Nationalismus, die riskiert, den Blick auf das Besondere der aktuellen Islamfeindlichkeit zu verstellen.

Der Nationalstaat ist eine 'imagined community', eine gedachte Gemeinschaft, und diente der kapitalistischen Elite, die eigenen Interessen dem Proletariat gegenüber als gemeinsame zu verkaufen.“ Das ist nicht falsch, gilt aber letztlich für jede Gemeinschaft – ob der Stamm, die Christenheit, das Proletariat, die Nation oder die Umma. Alle diese Gemeinschaften sind in einem gewissen Sinn "eingebildet" oder anders gesagt, müssen sich subjektiv konstituieren. Das heißt aber keineswegs, dass sie nicht existieren würden oder nicht wirksam wären, um so mehr, als sie ein objektives Moment mit sich führen. Bei der Nation sind das die Sprache, der Staat, der Wirtschaftsraum etc., die die Gemeinschaft herstellen – oft mit Gewalt und Zwang, über weite Strecken aber auch freiwillig über die Klassengrenzen hinweg.

Es ist richtig, dass die modernen Nationen und der Nationalstaat eine Organisationsform des Kapitalismus sind. Der Schluss, dass alle nationalen Bewegungen von den kapitalistischen Eliten geführt würden oder ihnen zumindest dienten, ist jedoch historisch nicht haltbar. Zum klassischen Beispiel ist die Französische Revolution geworden, die von den Unterschichten angetrieben und dann von den bürgerlichen Eliten usurpiert wurde. Oder die deutsche Nationalbewegung, die von eben dieser Bourgeoisie an die Monarchie verraten wurde, aus Angst vor dem Proletariat. Ganz zu schweigen von den antikolonialen Nationalbewegungen, die immer gegen die kapitalistischen Eliten geführt werden mussten und daher meist eine sozialistische Färbung annahmen.

Für die Periode der innerimperialistischen Konflikte und Kriege bis 1945 ist Bullocks Verbindung von (imperialistischem) Nationalismus und Rassismus richtig. Doch nach 1945 werden die USA zum unbestrittenen Zentrum der imperialistischen Herrschaft und die innerimperialistischen Konflikte verloren gänzlich ihren antagonistischen Charakter. Erst dadurch wurde die EU möglich – unter der Vorherrschaft der USA. Es gibt nur mehr einen dominanten Nationalismus und der trat allzu lange als internationalistischer Antikommunismus und nach 1989/91 als liberalistische Globalisierung auf. Erst mit dem früheren US-amerikanischen Präsidenten Bush wurde der US-Nationalismus als Trägerideologie des Krieges mit freiem Auge erkennbar.

Der Antiamerikanismus der nationalen Befreiungsbewegungen der kapitalistischen Peripherie ist traditionell fortschrittlich und weithin anerkannt. Auch in Europa war er das bis zur Wende von 1989/91. Die Integration und Transformation der Linken in die dominante Strömung des Imperialismus führte dazu, den Antiamerikanismus zu diffamieren und ihm einen chauvinistischen Charakter anzudichten. Tatsächlich ist er wie nie zuvor zu einem Ausdruck des Aufbegehrens gegen die liberalistische Oligarchie, ihren permanenten Krieg sowie ihre zunehmend autoritäre Herrschaft geworden. Während sich die gewendete Linke von ihm entfernte, wurde der Antiamerikanismus zur Plattform der demokratischen Opposition der subalternen Schichten gegen die Eliten. Dabei ist auch ein Schuss legitimer nationaler Selbstbehauptung enthalten, der mit den alten europäischen Nationalismen nicht verglichen werden kann.

Völlig richtig liegt Bullock aber, wenn er die Islamophobie als neokoloniale Ideologie des Krieges geißelt. Diese ist aber, wie ausgeführt, keineswegs mit einem Wiederaufleben der alten Nationalismen verbunden, sondern mit einer gerade sich konstituierenden "jüdisch-christlichen europäischen Identität", die sich links wie rechts gegen den Islam stellt. "Plötzlich werden die Frauenrechte zum Thema rechter Parteien und der Antisemitismus ist zumindest aus deren Parteiprogrammen verschwunden", bemerkt Bullock zutreffend. Gleichzeitig beendet der Papst die Vernunft und beschwört die griechischen Wurzeln Europas gegen den Islam. Diese europäische Identität ebnet auch die Differenzen der verschiedenen europäischen Nationen weiter ein. Selbst die christlichen Slawen, die bis vor kurzen noch als "Tschuschen" abgewertet wurden, werden nun gegen die Muslime zunehmend eingemeindet, selbst von ihren ehemals schärfsten Gegnern.

Wir haben es mit einer neuen "imagined community" zu tun, die sehr real ist, insofern sie als Leitideologie des imperialen Krieges dient. Um sie zu dekonstruieren, müssen wir genau zielen.