Gaza – Tibet

Überlegungen zum Nachdenken
Von Charlotte Malterre

Das Engagement für Tibet gehört heute zum guten Ton. Doch wer für die Palästinenser oder gar für die politische Anerkennung der Hamas eintritt, der gerät schnell ins Abseits.

Als der Intercityzug Genf-Zürich in Bern, der Hauptstadt der Schweiz hält, erregen wehende tibetische Fahnen meine Aufmerksamkeit. Als die Fahnenträger in den Zug steigen und an mir vorbei zu ihren Sitzen gehen, schaue ich sie mir genauer an. Wer sind diese Leute, die an einem sonnigen Samstag in dieser ach so neutralen Schweiz für die Freiheit Tibets demonstrieren? Zunächst einmal Tibeter , dann Leute wie Großmütter mit kleinen Fahnen an den Rucksäcken, junge Leute, Familien ...

Und dann frage ich mich, warum sich Leute für Tibet engagieren und nicht für Gaza. Natürlich gibt es hin und wieder auch Demonstrationen für Palästina, das ist schon richtig. Aber es geht um etwas anderes. Was wir bei Freunden und der so genannten Zivilgesellschaft, die sich nicht allzu sehr mit Politik befassen möchte, erleben ist der allgemeine Konsens, dass Tibet ein unterdrücktes Land ist und eine freie Nation sein soll. So eine klare Aussage hört man selten, wenn es um Gaza und Palästina geht.

Andere Leute, wie zum Beispiel Gideon Levy , stellen auch solche Überlegungen an. In der israelischen Zeitung „Haaretz“ erschien sein Artikel "Palästinenser und Tibeter – ein Fall von Doppelmoral“, wo er die Frage aufwirft, warum die Israelis für Tibet Mitgefühl zeigen und nicht für das besetzte Palästina, für das sie Verantwortung tragen. Ein Argument von Gideon Levy ist, dass es eine Frage der Mode ist. Die Menschen mögen Tibet, es ist "in“; Palästina war 1980, es ist "out“.

Wenn das stimmt, brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, denn in der Mode kehrt alles wieder. Palästina wird wieder einmal im Trend liegen so wie Leggings oder Schallplatten. Man muss nur Geduld haben und hoffen, dass dieser Modetrend etwas tiefer geht als die immer beliebten so genannten Palästinensertücher, die von Leuten getragen werden, die keine Ahnung von deren symbolischer Bedeutung haben.

Leider sind es wohl andere Gründe, die der angesprochenen Doppelmoral zu Grunde liegen. Wie bequem und verlockend ist es doch pazifistische Mönche, die der Gewalt abschwören, zu unterstützen! Du wirst dir nie den Vorwurf des Antisemitismus oder Rassismus gegenüber den Chinesen anhören müssen, wenn du Tibet unterstützt. Du wirst sogar Freunde finden, die wie du politisch korrekt auf der richtigen Seite stehen und die Unterdrückten unterstützen, und du wirst dich gut fühlen, weil du eine gerechte Sache unterstützt. Da gibt es dann auch Themen, die nicht zu politisch sind, die du mit deinen Verwandten beim Abendessen diskutieren kannst.

Tibet verdient natürlich unsere Unterstützung, aber warum verweigern wir diese Palästina?

Die Wahrheit ist, dass die Palästinenser keine pazifistischen Mönche sind. Sie kämpfen ihren Kampf selber und warten nicht mehr auf internationale Hilfe, die sowieso nicht kommt. Sie töten - oder sie versuchen es zumindest – ihre Unterdrücker, sie nutzen den Spielraum von Demokratie, den sie haben, um nicht genehme islamische Parteien zu wählen und sie verbergen die Haare ihrer Frauen. Das ist doch letztklassig, oder nicht? Es ist nicht „cool“ Muslime zu unterstützen. Es ist nicht „cool“ bewaffnete Kämpfe zu unterstützen.

Und während das von den USA unterstützte Israel nicht kritisiert werden darf, ist es so viel leichter und bequemer seine Kritik am guten alten kommunistischen China und seiner Missachtung der Menschenrechte kundzutun. Während Hollywood Schauspieler und Sänger sich für Tibet engagieren und auf Benefizveranstaltungen auftreten, findet man sie auf ebensolchen Veranstaltungen für Palästina nicht. Die Olympischen Spiele haben schließlich den pro-Tibet Aktivisten die perfekte Tribüne für ihren Protest geboten, sie waren allerdings relativ erfolglos und ohne Unterstützung der internationalen Politik.

Die Tatsache, dass die Tibeter im Moment ihr Schicksal zu akzeptieren scheinen und ihren früheren Guerrillakampf praktisch eingestellt haben, heißt aber nicht, dass es nicht wieder anders werden kann. Dann könnte es problematisch und unbequem werden, Tibet zu unterstützen. Während jedoch die Leute hier im Westen sich damit befassen, was im Moment „in“ oder „out“ ist, leiden beide Völker unter permanenter Besatzung. Wie wäre es damit beide zu unterstützen?