Muslimgauze: Der gefallene Kämpfer

Von Charlotte Malterre

Die Künstler-Szene der Gegenwart zeichnet sich heute oft dadurch aus, dass sie betont, wie unpolitisch sie sei. Sänger und Musiker distanzieren sich von jeglichen mutigen politischen Aussagen und predigen den „Mittelweg", um negative Berichterstattung zu vermeiden. Das genaue Gegenteil davon war Muslimgauze.

Muslimgauze zählte nicht zur Mainstream- Musikindustrie – er galt und gilt vielmehr als Geheimtipp. Besonders politisch engagierte Menschen und Aktivisten wünschten sich, öfter derartige Musik hören zu dürfen. Verkörpert wurde Muslimgauze durch den in Manchester ansässigen Musiker und DJ Bryn Jones. Selbst wenn man elektronische Musik nicht mag, lohnt sich ein kurzer Blick auf Muslimgauze, einen der kompromisslosesten pro-arabischen Musiker unserer Zeit:

"Das Musikprojekt wurde lanciert, als Israel den Libanon besetzte. Die Weltgemeinschaft reagierte nicht wie in den Fällen, als China Tibet, Russland Afghanistan oder Irak Kuwait besetzte. Der Haupteinfluss von Muslimgauze sind die poli­tischen Fakten des mittleren Osten, die kompro­misslose Unterstützung der PLO/Hamas bildet das Rückgrat – direkte Aktionen aller Formen sind gerechtfertigt." 1

Jedes veröffentlichte Album ist von einem bestimmten Ereignis inspiriert, die Albumtitel sind klare politischen Statements – 1983: Kabul, 1987: Jazirat-Ul-Arab, 1988: The Rape of Pale­stine, 1990: Intifada, 1991: United States of Islam, 1993: Vote Hezbollah, 1997: Gulf Between US, 1998: Vampire of Tehran. Alle beinhalten starke und provokative Lieder und Coverbilder. Seine Kompositionen bauen hauptsächlich auf Klang­fragmenten, rhythmischen Spiralen und auf viel Perkussion auf, ziemlich lo-fi.

Ein interessanter Aspekt des Projektes Muslim­gauze ist, dass Bryn Jones meinte, keine musika­lischen Vorbilder zu haben, sondern nur durch politische Fakten und Persönlichkeiten, wie Arafat, Gadaffi, Bhutto, Khaled, Saddam etc. inspiriert worden zu sein. Und er war sich seiner ungünstigen Position bewusst: "Sobald man eine pro-arabische Position einnimmt, schließen sich die Türen. Die Medien sind vollkommen anti-arabisch." 2

Bryan Jones äußert seine Meinung in einer selten gewagten und mutigen Art: "Die Zukunft der Weltpolitik hängt davon ab, ob die Menschen in Palästina befreit werden oder die israelische Unterdrückung fortgesetzt wird. Alle so genannten “Friedensgespräche“ werden scheitern, solange die besetzten Gebiete nicht aufgegeben werden, um den Prozess des totalen israelischen Rückzugs zu starten. Dieses Regime hat alle Menschenrechte gebrochen.“ Und weiter: "Die PLO und die Hamas sind keine Terroristen. Sie kämpfen um Land, das ihnen genommen wurde. Sogar der engstirnige Zionist-Fanatiker weiß, dass sie das Land nur für eine gewisse Zeit ausgeliehen haben." 3

Bryan Jones starb 1999 im Alter von 37 Jahren. Er war nie in Palästina, weil er meinte: "Ich würde nie in ein besetztes Land gehen, wie das auch andere nicht tun sollten. Zionisten, die auf arabischem Land und Wasser leben, sind keine Touristenattraktion. An einem Ort gewesen zu sein ,ist nicht wichtig. Oder kann man nicht gegen die Apartheid sein, ohne in Südafrika gewesen zu sein? Kann man gegen Serben sein, welche bosni­sche Muslims töten, ohne dort gewesen zu sein? Ich denke schon.“ 4

1) Interview von Erik Bennedorf und Annibale Picicci. Das Interview ist erschienen in Artefakt, Nr. 2, 1997.
2) idem
3) Interview von Rena. Das Interview ist erschienen in Indus­trial Nation, Nr. 9, 1994.
4) Marc Urselli-Schaerer. "Chain D.L.K. Interview". Chain D.L.K. (5).