Civikov, Germinal: Srebrenica. Der Kronzeuge

Wien: Promedia Verlag, 2009 (184 S., br., 15,90 Euro, ISBN 978-3-85371-292-4)
Von Elisabeth Lindner-Riegler

Am 5. März 1998 wurde der bosnische Kroate Dražen Erdemović vom Jugoslawien- Tribunal zu fünf Jahren Gefängnisstrafe verurteilt, er saß davon dreieinhalb Jahre ab und lebt heute als freier Mann. Erdemović bekannte sich des Verbrechens schuldig, am 16. Juli 1995 im Rahmen eines Massakers an 1200 muslimischen Zivilisten auf der Branjevo-Farm unweit von Zvornik 70 bis 100 gefangene Bosnier getötet zu haben. Dabei sei ihm als einfachem Mitglied der 10. Sabotageeinheit der bosnisch-serbischen Armee (VRS) keine Wahl geblieben als zu töten, im nicht selbst getötet zu werden, sagte Erdemović. Die Richter zeigten Verständnis, viel Verständnis und Nachsicht, denn sie hatten in Erdemović den Kron­zeugen gefunden, den ihr Tribunal brauchte, um diejenigen des Verbrechens gegen die Menschlich­keit zu verurteilen, die für sie die Kriegsverbrecher im Jugoslawien-Krieg waren.

Die Geschichte von Erdemović begründete den internationalen Haftbefehl gegen Karadžić und Mladić und Erdemović war Zeuge der Anklage in vier Prozessen: "Am 5. Mai 1996 gegen Radovan Karadžić und General Ratko Mladić, am 22. Mai 2000 gegen den bosnisch-serbischen General Radislav Krstić, der wegen Völkermords bei Srebrenica zu 46 Jahren verurteilt wurde, am 25. August 2003 gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic und am 7. bis 8. Mai 2007 gegen Vujadin Popović und sieben weitere Offiziere der bosnisch-serbischen Armee." (S. 33)

Was veranstaltet wurde, um einen für die politischen Zwecke des Tribunals brauchbaren Kronzeugen zu fabrizieren, könnte man kaum glauben, hätte es der Autor Civikov nicht akribisch recherchiert und mit Quellenangaben belegt. Was als eines der mutmaßlich grausamsten Kriegs­verbrechen in Europa nach 1945 in die bisherige Geschichte einging und wer dafür verantwortlich zu machen war, wurde von einem Kronzeugen erzählt und definiert.

Laut Civikovs Recherchen ist diese Erzäh­lung und Definition so widersprüchlich und die Vorgangsweise der Richter des Tribunals so fahr­lässig – gemessen an den herkömmlichen Stan­dards bürgerlichen Rechts –, dass die Geschichte Menschen, die noch an eine Form von Gerech­tigkeit des Tribunals glauben, zutiefst erschüttern könnte, sollten sie sich in die Lektüre des Buches vertiefen. Für diejenigen, die nicht daran glauben, ist es nicht minder spannend zu lesen, was an Gerichtsbarkeit und Urteilssprüchen in Zeiten wie diesen durchgeht.

Ein paar Beispiele für die Vorgangsweise des Tribunals seien hier angeführt: Als Datum für das Massaker auf der Branjevo-Farm wird von Erdemović immer wieder der 20. Juli 1995 ange­geben, dann wird es der 16. Juli 1995, wie es in der Anklageschrift steht. Der plötzlichen Verschie­bung wird nicht nachgegangen, obwohl es der Tag der Erschießung von 1200 Gefangenen war. (vgl. S. 35)

Die genaue Schilderung der Erschießung von 1200 Menschen in fünf Stunden bleibt konstant und widerspruchsfrei, doch laut Autor ist das Hauptproblem die Glaubwürdigkeit. Rein rechne­risch und "technisch" scheint es fast unmöglich, in der von Erdemović beschriebenen Art und Weise 1200 Menschen – in Bussen hingebracht, in kleinen Gruppen abgeführt, mit Pausen dazwischen – in fünf Stunden zu erschießen. (vgl. S. 44, S. 58) Diese Überlegungen zu Massenmorden überhaupt anzustellen scheint verwerflich. Sie werden ange­stellt und auch hier wiedergegeben, um auch bei dieser Kernaussage das Vorgehen des Tribunals zu zeigen. Es werden keine Fragen gestellt, weil es anscheinend nicht um Aufklärung sondern um die politischen Ziele des Tribunals geht. Da werden auch 1200 ermordete muslimische Zivilisten Mittel zum Zweck.

Unklar bleibt, wer jetzt wirklich als letztes Glied das Kommando der Einheit hatte, die die Exekutionen auf Befehl des Generalstabs der bosnisch-serbischen Armee durchführte. Ein einfacher Soldat? Welchen Rang hatte Erdemović selbst? Auch darüber macht er widersprüchliche Angaben. Auch hier übergehen die Richter die offenen Fragen. Erdemović nennt die Namen der anderen Mitglieder der Einheit. Warum wird keiner von diesen befragt?

Braucht ein politischer Prozess nicht einmal mehr den Anschein von Versuchen der Wahrheits­findung?
Um diese Fragen geht es Civikov. Er stellt nicht die Massenmorde in Frage, sondern die Vorgangs­weise des Jugoslawien-Tribunals, das politische Prozesse veranstaltet, wo jedes Mittel recht ist, das zu den Verurteilungen führt, die gewünscht werden.

Schlussbemerkung: Ramush Haradinaj, ehema­liger Kommandant der kosovarischen Untergrund­armee UÇK wurde für Morde an Serben und Albanern in den Jahren 1989 und 1999 im Kosovo angeklagt; 25 Jahre Haft wurden gefordert. 34 Zeugen sagten unter besonderem Schutz aus, aber letztlich war die Beweisführung nicht ausreichend. Haradinaj verließ das Internationale Kriegsver­brechertribunal als freier Mann (vgl. Profil 15, 7. April 2008). Es wäre interessant, sich auch diesen Prozess genauer anzusehen und sich die Fragen zu stellen: Wann sind Beweise Beweise, wann sind Zeugen glaubwürdig und wann nicht?