Krammer, Hubert: Jenseits der Mythen

Hubert Krammer liefert nach praktisch zehnjähriger Recherche eine umfangreiche Darstellung zionistischer Mythen. Das beginnt mit dem Zionismus als Ideologie jüdischer Emanzipation und des Humanismus: Krammer zeigt den Kern des Zionismus als im irrationalistischen und rechten Nationalismus des Endes des 19. Jahrhunderts verwachsen. Inklusive dem Bild der Nation als quasi-biologischem Wesen, einem Standard-Topos des rechten Nationalismus. Und der Verachtung der europäischen Juden als gierig und arbeitsscheu, die erst in Palästina ihre Minderwertigkeit abschütteln könnten.

Krammer setzt fort mit dem Mythos des Zionismus als Kraft der Zivilisation im Nahen Osten, der ein leeres Land besiedelt hätte, und zeigt die Verbindung der zionistischen Besiedlung mit dem Großmachtsstreben vor allem Deutschlands und Großbritanniens. In einem Hauptteil des Buches wird der Mythos von Israel als Zufluchtsstätte während des Holocaust angegriffen und die tatsächliche Selektion der Einwanderer durch die Jewish Agency offengelegt, inklusive der Episoden der Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland. Der letzte Mythos ist jener von Israel als „einziger Demokratie im Nahen Osten“. Hier wird die Realität nicht nur der israelischen Verbrechen während Jahrzehnten von Krieg und Besatzung, sondern auch die systematische Zusammenarbeit mit lateinamerikanischen Militärdiktaturen herausgestellt.

Aufgrund Krammers gewissenhafter Recherchen ergibt sich dann auch ein stattlicher Umfang von 350 Seiten. Es scheint, als hätte Hubert Krammer in einem Gewaltakt versucht, die prozionistische Linke Kraft der gesammelten besseren Argumente zu zerschlagen. Es ist allerdings zu bezweifeln, dass ihm diese Leute Aufmerksamkeit schenken werden.

Krammer ist dabei wenig vorzuwerfen. Einige Episoden des arabischen Nationalismus lassen schmunzeln, etwa die Behauptung, der Zweite Weltkrieg wäre von arabischen Freiwilligen bei El Alamein entschieden und eigentlich um die Beherrschung Afrikas geführt worden. Diese tun der Kraft der restlichen Analyse aber keinen Abbruch. Was man tatsächlich fragen muss, wäre, ob hier nicht zu viel gewollt wird. Alle zionistischen Mythen in einem Buch? Vielleicht wäre ein einziger dieser Mythen das sinnvollere Ziel gewesen, dafür etwas vertieft und mit einem theoretischen Apparat, der die Arbeit ein wenig strukturiert hätte. Notwendigerweise wird die Auswahl des zu Behandelnden bei 150 Jahren Geschichte ein bisschen willkürlich.

Krammer, Hubert: Jenseits der Mythen: Imperialismus - Zionismus - Faschismus. Eine Quellenrecherche, Hamburg: Theorie und Praxis Verlag, 2009. (360 S., br., 19,00 Euro, ISBN 978-3939710028)