„Das Problem ist ein Politisches“

Interview mit Juliano Mer-Khamis
Von Bernhard Kohlmann

Das Freedom Theatre gastierte im Oktober in Österreich. intifada befragte den palästinensischen Künstler zur aktuellen Situation in seiner Heimat.

intifada: 2006 haben Sie das Freedom Theatre in Jenin gegründet. Was war das Ziel des Projektes?

Mer-Khamis: Theater ist für mich eine Werkstatt für Ideen, Debatten, Argumente, Konflikte und kritisches Denken. Es geht darum, seine Identität neu aufzubauen, seine großen Erzählungen neu zu schreiben. Es geht darum, sich selbst als Künstler zu entwerfen, als Mensch, als Nation, als Bewohner eines Gebietes, das durch sieben Jahre permanenter Überfälle, Ausgangssperren und Belagerungen von den Israelis zerstört wurde. Israel war sehr erfolgreich darin, die kulturelle Struktur des palästinensischen Volkes zu zerschlagen und wir versuchen nun – zumindest in Jenin – sie wieder aufzubauen. Dabei meine ich nicht nur Musik und Theater, sondern Kultur in einem sozialen und politischen Sinne, im Sinne der Förderung von Solidarität und Kooperation. Für mich ist Kultur nicht nur Dabka und Tschaikowski, sondern die feingliedrigste Struktur, die Menschen verbindet.

intifada: Sie arbeiten nun schon seit mehr als 15 Jahren mit Kindern. Können Sie beschreiben, wie sich die israelische Besatzung auf die Entwicklung von Kindern auswirkt?

Mer-Khamis: Ich kann nur vom Flüchtlingslager in Jenin berichten. In diesem Lager sind 58 Prozent der Bevölkerung, also etwa 8500 Menschen, unter 18 Jahren. Bei dreitausend von ihnen wurde eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt, wobei das Wort posttraumatisch der Sache nicht ganz gerecht wird, da das Trauma andauert. Und Trauma bedeutet hier nicht, dass das Kind einen Unfall sieht und dann davon träumt, sondern das andauernde Trauma in Jenin äußert sich in Menschen, denen die Grundlage ihrer Existenz als menschliche Wesen abhanden kommt. Jene Grundlage, die sie dazu befähigt, sich selbst in Zeit und Raum zu verorten und sich der Sicherheit der eigenen Existenz gewiss zu sein.

Diese Hülle, die einem westlichen Menschen als selbstverständlich erscheint, fehlt uns. Was für euch das Leben ist, ist für uns der Tod, etwas, mit dem wir täglich konfrontiert sind. Das ist ein abnormaler Zustand, vor allem für Kinder. Kinder, die täglich mit dem Tod konfrontiert sind, werden zu wandelnden Toten. Diese Menschen haben keinerlei Sicherheit, kein Selbstvertrauen in ihre eigene Existenz. Sie haben keinen Bezug zur Zeit, das heißt, sie haben keine Zukunft. Ich nenne sie wandelnde Tote.

Von diesen wandelnden Toten geht das Phänomen der Selbstmordanschläge aus, die eine Folge der Zerstörung des Nervensystems durch die Besatzung darstellen. Wenn man in die Zeit vor den Selbstmordanschlägen schaut, so findet man Kinder, die stottern, die nicht sprechen können, die kaum blinzeln und sich nicht konzentrieren können. All ihre Beziehungen zur Umgebung, sei es zu Eltern, Freunden oder Lehrern, sind durch Gewalt geprägt, weil es sonst nichts gibt. Alles was sie im Laufe der Zeit in sich aufnehmen können, ist die Gewalt der Besatzung und so wird die Gewalt zum einzigen Mittel, mit dem sie mit ihrer eigenen Gesellschaft und ihrer Umgebung zu kommunizieren lernen.

intifada: Kann das Theater helfen, diese Probleme zu überwinden?

Mer-Khamis: Diese Dinge sind immer zu wenig und zu langsam, weil man sich einer totalen Zerstörung gegenübersieht. Es ist ein kleines Theater und ein kleines Flüchtlingslager, nicht mehr als ein Tropfen im Meer, aber immerhin ist es ein Tropfen. Wir hoffen immer, dass, wenn jeder seinen Tropfen dazu gibt, daraus irgendwann eine Welle wird, Inshallah. Aber es ist sehr schwierig, den Erfolg des Projektes zu messen oder eine klare Linie des Fortschritts zu erkennen, weil es auch Sprünge gibt.

Wir erleben die Entwicklung einer Ghettomentalität, das Aufkommen von Xenophobie, die Rückkehr zur Tradition, weil die Sozialstruktur zerstört wurde, die Rückkehr zu Stammesbeziehungen. Israel hat uns erfolgreich um hundert Jahre zurückgeworfen. Wir sind wieder zurück auf dem Esel, sowohl geistig als auch physisch. Unter diesen primitiven Verhältnissen sind es die Frauen, die den Großteil der Last tragen. Daher ist die Situation der Frauen auch ein Indikator für den Zustand der Gesellschaft insgesamt. Es ist gefährlich für Frauen hinauszugehen. Sie sind schwach, sie können umgebracht oder vergewaltigt werden – vor allem in der Nacht, denn die Nacht ist in Palästina der Tod.

Es ist für eine Frau auch nicht angebracht, als Schauspielerin auf der Bühne zu stehen, sich selbst zu präsentieren, andere Schauspieler zu berühren und zu tanzen. Es entspricht nicht dem Islam und der Tradition. Aus all diesen Gründen hatten wir vor vier Jahren bloß eine Frau bei uns, aber heute haben wir bereits mehr Frauen als Männer. Das ist ein Indikator. Niemand hätte das vorhersehen können, aber plötzlich haben wir eine große Anzahl an Frauen, plötzlich akzeptieren Leute das Theater, die es zuvor abgelehnt haben, plötzlich können wir auf Tournee gehen und herumreisen. Stellen Sie sich vor, diese Jungs haben noch nie zuvor das Lager verlassen. Sie sehen zum ersten Mal einen Zug.

intifada: Abgesehen vom Einfluss des Theaters, wie würden Sie allgemein die aktuelle Stimmung der Bevölkerung im Gebiet um Jenin beschreiben? Wird es eine neue Intifada geben?

Mer-Khamis: Ich glaube, dass es um die Stimmung momentan sehr schlecht bestellt ist. Wir versuchen, die Hoffnung zurück zu bringen, aber wir sehen uns einer zerstörten Nation gegenüber, so dass die meisten von uns mit den grundlegenden Dingen des Lebens beschäftigt sind: Unterkunft, Elektrizität, Wasser, Unterricht. In dieser Situation gibt es nicht viel Platz für Hoffnung. Die Hoffnung ist begraben unter Ruinen – nicht nur denen der Häuser, sondern auch denen der Seele – doch sie kommt zurück. Sie kommt zurück, aber langsam. Doch selbst wenn sie zurückkehrt, wird sie gefangen sein zwischen elektrischen Zäunen und Mauern aus Beton. Was auch immer mit unserer Hoffnung passiert, eines Tages – ich weiß nicht wann – werden wir erneut versuchen, aus diesem Gefängnis auszubrechen. Daher denke ich natürlich, dass es in ein paar Jahren eine neue Intifada geben wird. Die Menschen werden sich den israelischen Apartheidbedingungen nicht beugen. Sie werden rebellieren. Wir hoffen, dass unsere Jugend mit den Mitteln rebelliert, die ihnen das Freedom Theatre bietet. Ich hoffe, dass sie mit Kameras schießen, nicht mit Gewehren, dass sie die Werte der Freiheit gegen die israelischen Panzer benutzen. Ich klinge vielleicht naiv, aber in den Neunzigern war es genau so. Ein Kind mit einem Stein hat sich einem der größten und modernsten Panzer des Westens – dem israelischen – in den Weg gestellt. Es ist also möglich, nicht nur meine naive Träumerei. Man kann den schlimmsten Feind mit seinen bloßen Händen besiegen.

intifada: Was ist Ihre Vision für die Lösung des Konfliktes? Einstaatenlösung? Zweistaatenlösung?

Mer-Khamis: Ich unterstütze überhaupt keine Staaten. Ich unterstütze nur das Zusammenleben von Menschen. Das „Wie“ interessiert mich nicht sonderlich. Ob man es nun zwei Staaten, vier Staaten, ein Staat, sechs Staaten, Föderation, Kooperation oder sonst wie nennt, ist mir egal. Für mich ist klar: Ich bin der Sohn eines Arabers und einer Jüdin, eines Palästinensers und einer Israelin, und ich glaube, dass dies unser Schicksal als Palästinenser und Israelis ist: Nicht nur miteinander ins Bett zu gehen, sondern auch miteinander zu leben. Wie die technische Umsetzung aussieht, kann man den Geschäftsleuten und Politikern überlassen. Das Prinzip der israelischen Politik und Ideologie läuft auf Trennung hinaus, auf Apartheid, auf ethnische Gebilde, Ethnokratie, Mauern, Zäune. Alles was ich tue, ist gegen die Trennung gerichtet. Wie und wann ist nicht wichtig, wichtig ist nur die Perspektive, wie wir zusammenleben möchten: Seite an Seite oder einer über dem anderen.

intifada: Sind sie optimistisch, dass sich für dieses Zusammenleben eines Tages eine Mehrheit in der israelischen Gesellschaft finden wird?

Mer-Khamis: Sie leben doch bereits jetzt zusammen. In Apartheid zwar, aber doch. Sie können es nicht vermeiden, das werden sie irgendwann einsehen müssen. Aber was die Art des Zusammenlebens betrifft, wie wir sie uns vorstellen: Nein, dafür gibt es keine Mehrheit, allerdings auch nicht bei den Palästinensern. Ich denke, es wird Zeit brauchen und das Prinzip muss sich ändern. Die Israelis sind in keinster Weise bereit, sich selbst als Teil des Nahen Ostens zu begreifen. Sie schüren die Vernichtungsängste, was das Gegenteil von Zusammenleben ist. Immer mehr schüren sie die Angst mit Worten wie Vernichtung, Hitler, Holocaust, Ahmadinejad, Iran, Atombombe… Es geht also genau in die entgegengesetzte Richtung. Sie bauen keine Nation auf, die sagt: „Okay, wir sind aus Europa gekommen, weil uns die Deutschen und Österreicher verfolgt haben. Jetzt müssen wir die Geschichte beiseite lassen und eine neue Beziehung aufbauen, sonst werden wir womöglich eines Tages wirklich noch ausgelöscht.“

Ich meine, wie lange wird Israel nur Dank seiner F16 überleben? Ewig? Wollen sie ewig im Kriegszustand leben? Nein, ich glaube, dass sich ihre Einstellung ändern wird. Die Palästinenser haben hier weniger Probleme, weil sie von der Mentalität her immer noch eine bäuerliche Gesellschaft sind. Sie sind weniger rassistisch und teilen die Welt weniger in Kategorien wie „mein“ und „dein“. Es ist eine offenere Gesellschaft, die eher bereit ist, den Anderen zu akzeptieren und die weniger auf ethnischen, rassistischen Ordnungen, Konzepten und Ideologien aufgebaut ist. Sie waren immer besetzt und hatten daher nicht einmal die Gelegenheit, diese neurotische, narzisstische ethnische Einstellung hervorzubringen. Sie sind daher eher bereit, die Israelis als Partner zu akzeptieren, als dies umgekehrt der Fall ist.

intifada: In Ihrem Film „Arnas Kinder“ zeigen Sie, wie sich Kinder unter den Bedingungen der Besatzung von Schauspielern im Theater zu Widerstandskämpfern und sogar zu Selbstmordattentätern wandeln. Glauben Sie, dass Ihr Film die öffentliche Meinung in Israel über den palästinensischen Widerstand verändert hat? Ist Kunst im allgemeinen der Schlüssel, um die beiden Völker zu versöhnen?

Mer-Khamis: Als Regisseur des Films hoffe und glaube ich natürlich, dass ich etwas verändert habe. Ich habe auch Leute getroffen, die mir erzählten, dass der Film sie verändert hat. Aber ich glaube nicht, dass ein einzelner Film wirklich viel verändern kann. Auch allgemein wäre es Naivität zu denken, dass Kultur, dass Bach und Chopin Völker zusammenbringen kann. Wir sollten nicht vergessen, dass Goebbels und Eichmann Mozartliebhaber waren. Das schützt uns vor überhaupt nichts, vor keiner Barbarei.

Ich denke, dass Kunst ein Ort sein kann, um zu reflektieren, um Ideen hervorzubringen, um das kritische Denken der Menschen zu fördern. Sie kann jungen Menschen – speziell an Orten wie diesen – die Möglichkeit geben, sich auszudrücken, ihre Botschaft zu verbreiten, sich vor andere hinzustellen und zu reden. Aber das ist nicht die Lösung. Das Problem im Nahen Osten zwischen Palästina und Israel ist kein Problem des Gefühls oder der Kunst, sondern ein politisches Problem.

Manche Menschen versuchen das zu verschleiern, indem sie es als Problem zwischen zwei Völkern darstellen, aber das ist nicht der Fall. Es geht hier nicht um Dialog, Händchenhalten oder gemeinsam auf die Toilette gehen. Es ist ein politisches Problem einer Nation, die ein anderes Gebiet besetzt und ethnisch gesäubert hat. Das ist es, was in Palästina los ist. Es ist eigentlich ganz einfach. Es wurde zwar im Laufe der Jahre etwas komplizierter, aber das Grundproblem ist das von Besatzer und Besetzten. Und wenn man Besatzer und Besetzte 24 Stunden in eine Sauna sperrt, wird es das Problem auch nicht lösen, weil sie genauso rauskommen werden, wie sie hineingegangen sind. Sie verstehen einander vielleicht besser, aber der Besatzer wird immer noch den Besetzten besetzen. Es ist also ein politisches Problem. Ich glaube durchaus, dass diese Art von künstlerischem Austausch und Dialog der Mehrheit auf beiden Seiten helfen kann, über Lösungen zu verhandeln, aber die Lösung wird nicht vom Theater kommen, sondern vom Widerstand gegen die Besatzung.

intifada: Halten Sie den kulturellen Boykott für einen vernünftigen Weg, um Druck auf Israel auszuüben?

Mer-Khamis: Ich unterstütze den Boykott ganz klar und ohne jeden Zweifel. Ich denke, die Leute sollen Druck auf Israel ausüben. Israel darf sich nicht benehmen, als ob nichts wäre, denn es ist nun mal keine normale Situation. Ich wäre allerdings sehr vorsichtig damit, was und wen ich boykottiere. Gerade Kultur sollten wir, denke ich, nicht boykottieren. Man kann die Wirtschaft boykottieren, oder die Institutionen, die Kultur als Propagandawerkzeug missbrauchen. Man kann akademische Institutionen boykottieren, welche die Besatzung unterstützen, aber ich glaube nicht, dass es sinnvoll ist, einen Film zu boykottieren. Ich boykottiere den Regisseur des Films, der ihn im Sinne der israelischen Propaganda einsetzt, aber ich würde nicht prinzipiell Kultur boykottieren.

Zur Person:

Juliano Mer Khamis wurde im Jahr 1958 in Nazareth in eine „Mischehe“ geboren. Sowohl der arabische Vater als auch die jüdische Mutter waren politische Aktivisten. Benannt wurde er nach Joul Jamal, einem arabischen Marineoffizier aus Syrien, der 1956 im Suez-Krieg in einem Kamikaze-Angriff das französische Kriegsschiff Jean-Bart versenkt hatte. Die Mutter, Arna Mer, war eine bekannte politische Aktivistin. Ihre Rolle im Kindertheater im Flüchtlingslager Jenin ist das Thema von Julianos Films „Arna‘s Children“. Der Vater, Saliba Khamis, war ein prominentes arabisches Mitglied der Israelischen Kommunistischen Partei in den 1950ern und 1960er Jahren. Beide Eltern verließen 1968 die Partei aufgrund ihrer negativer Haltung zur Forderung der neuen palästinensischen Befreiungsbewegung nach einem demokratischen säkularen Staat in ganz Palästina. Sie schlossen sich dem politischen Kampf der Palästinenser an.

Julianos Karriere als Schauspieler begann im israelischen Fernsehen und in der israelischen Theaterszene. Seine erste Filmrolle hatte er 1984 im US-amerikanischen Film „Die Kleine Trommlerin“ von G. R. Hill. Sein bekanntestes Werk ist der Dokumentarfilm „Arnas Kinder“, der einerseits die Arbeiten seiner Mutter während der ersten Intifada (1987-1993) dokumentiert und andererseits die Kämpfe in Jenin dokumentiert. Aus den Hauptfiguren des Kindertheaters machte die Realität des Lagers Hauptfiguren des Widerstands gegen die israelische Besatzung. So ist Zakaria Zubaide, Anführer der Aqsa-Brigaden, Protagonist in beiden Episoden.

Das Erscheinen von „Arnas Kinder“ rief eine Welle von internationaler Unterstützung hervor, die eine Wiederaufnahme des Theaterprojekts in Jenin ermöglichte. 2006 eröffnete Mer-Khamis gemeinsam mit den aus Schweden stammenden israelischen Aktivisten Jonatan Stanczak und Dror Feiler das Projekt Freedom Theatre Jenin.