Bei den Genossen im Wald

Was hinter dem Krieg Indiens gegen seine Ureinwohner steckt
Von Arundhati Roy

Die indische Regierung hat das Siedlungsgebiet der Ureinwohner zur Ausbeutung durch Privatunternehmen freigegeben. Die Ureinwohner müssen weg.

Im Dschungel breitet sich ein tödlicher Krieg aus, auf den die indische Regierung stolz ist und den sie trotzdem zu verbergen trachtet. In den Wäldern stehen sich Kräfte gegenüber, die kaum unterschiedlicher sein könnten: auf der einen Seite ein riesiges Heer aus Paramilitärs, das über Geld, Waffen, Medien und die Überheblichkeit einer Supermacht in spe verfügt; auf der anderen Seite einfache Dorfbewohner mit traditionellen Waffen, hinter denen eine gut organisierte, hoch motivierte Partisanenarmee mit einer erstaunlichen Geschichte bewaffneter Aufstände steht. Die Maoisten und die Paramilitärs sind alte Gegner, die in verschiedenen Reinkarnationen schon häufig gegeneinander gekämpft haben. Jedes Mal schien es, als wären die Maoisten nicht nur besiegt, sondern buchstäblich physisch vernichtet. Und jedes Mal sind sie wieder auferstanden, besser organisiert, entschlossener und einflussreicher als je zuvor. Die Aufstandsbewegung hat sich nun erneut in den Wäldern der Bundesstaaten Chhattisgarh, Jharkhand, Orissa und Westbengalen verbreitet, in der Heimat von Millionen indischer Ureinwohner. Die Gebiete sind reich an Bodenschätzen, ein Gelobtes Land für die Konzerne.

Für liberale Gemüter ist es schonender, daran zu glauben, dass der Krieg in den Wäldern ein Krieg zwischen der indischen Regierung und den Maoisten ist. Man vergisst gerne, dass die Ureinwohner im Herzen des Landes eine Geschichte des Widerstandes haben, die um Jahrhunderte älter als Mao ist. Sie haben sich schon oft erhoben: gegen die Briten, gegen die Steuereintreiber, Großgrundbesitzer und gegen Wucherer. Die Aufstände wurden brutal niedergeschlagen, Tausende ermordet, doch das Volk wurde nie besiegt. Auch nach der Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien bildeten die Ureinwohner den Kern des ersten Aufstandes, den man als maoistisch bezeichnen könnte: im Bezirk Naxalbari in Westbengalen. Daher kommt die Bezeichnung „Naxaliten“, die heute mit „Maoisten“ gleichgesetzt wird. Die Politik der Naxaliten ist seit damals untrennbar mit den Aufständen der Ureinwohner verbunden und das sagt viel mehr über die Ureinwohner aus als über die Naxaliten.

Es ist die aufständische Tradition einer wütenden Bevölkerung, die von der indischen Regierung bewusst isoliert und marginalisiert wurde. Nachdem die Regierung sie beraubt und in eine Spirale der Armut getrieben hat, setzt sie auch noch ihr Elend gegen sie selbst ein: Immer wenn viele Menschen vertrieben werden sollen – für Staudämme, Bewässerungsprojekte oder Kraftwerke – spricht die Regierung davon, dass sie diesen Menschen „die Früchte moderner Entwicklung“ angedeihen lässt.

Die Maoisten und die Adivasi

Im Jahr 1980 setzten sieben bewaffnete Einheiten aus dem Bundesstaat Andhra Pradesh über den Fluss Godavari und kamen in den Urwald von Dandakaranya (im Parteijargon: DK). Sie gehörten zur People’s War Group (PWG), einer Fraktion der Kommunistischen Partei Indiens (Marxisten-Leninisten), kurz CPI(ML) – zu den ersten Naxaliten. Im April 1980 wurde die PWG offiziell als eigene Partei gegründet. Sie hatte beschlossen, eine Armee aufzubauen, und brauchte dafür ein Stützpunktgebiet. DK sollte diese Basis werden, und die ersten Einheiten wurden ausgesandt, um mit dem Aufbau von Partisanengebieten zu beginnen. Die Entscheidung der PWG, eine Armee zu bilden, rührte von ihrer Erfahrung in Andhra Pradesh her, wo ihre Kampagne „Land für die Kleinbauern“ zu einem direkten Konflikt mit den Grundbesitzern und zu einer Polizeirepression geführt hatte, der die Partei ohne eigene Kampftruppen nichts entgegensetzen konnte.

Bis zum Jahr 2004 vereinigte sich die PWG mit anderen Fraktionen der CPI(ML): mit der Party Unity (PU) und dem Maoist Communist Centre (MCC), das vor allem in Bihar und Jharkhand aktiv ist. Aus diesem Zusammenschluss ging die heutige Kommunistische Partei Indiens (Maoisten) hervor.

Dandakaranya gehört zu jenem Gebiet, das die Briten nach Art des weißen Mannes „Gondwana“ nannten, das Land der Gond. Heute verlaufen die Grenzen der Bundesstaaten Madhya Pradesh, Chhattisgarh, Orissa, Andhra Pradesh und Maharashtra kreuz und quer durch diesen Wald. Eine aufsässige Bevölkerung in verschiedene Verwaltungseinheiten aufzuteilen ist ein alter Trick. Diese Maoisten und die maoistischen Gond interessieren sich nicht wirklich für Grenzen zwischen Bundesstaaten. Die Gond (bestehend aus den Koya und Dorla) sind zwar mit Abstand die größte Bevölkerungsgruppe, doch es gibt hier auch kleine Siedlungen anderer Völker. Die Händler und Siedler, die nicht den Adivasi (Ureinwohnern) zuzuordnen sind, leben am Rande des Waldes, in der Nähe der Straßen und Märkte.

Die PWG waren nicht die ersten „Missionare“ in Dandakaranya. Auch Baba Bihari Das hatte im Norden von Bastar in Chhattisgarh eine aggressive Kampagne begonnen, „die Ureinwohner in den Schoß des Hinduismus zurückzuführen“. Er brachte ihnen Selbsthass, Verachtung für ihre eigene Kultur sowie das wertvollste Geschenk des Hinduismus: das Kastenwesen. Den ersten Bekehrten wurde der Status von Dvija verliehen, d. h. Brahmanen. Das war natürlich ein Betrug, denn niemand kann ein Brahmane werden; in eine Kaste wird man hineingeboren. Wäre es möglich, sich in einen Brahmanen zu verwandeln, wären wir heute ein Volk aus lauter Brahmanen. Doch für die Ureinwohner war dieser Pseudohinduismus gut genug. Wer nicht bereit war, „in den Schoß des Hinduismus zurückzukehren“, wurde zum „Katwa“ erklärt (wie sie die Unberührbaren nennen), die später logischerweise die Basis der Maoisten wurden.

Die PWG begann ihre Aktivitäten im Süden von Bastar und im angrenzenden Gadchiroli in Maharashtra. Die Dorfbewohner waren zunächst sehr misstrauisch und ließen sie nicht in ihre Häuser; niemand gab ihnen Essen oder Wasser. Die Polizei verbreitete das Gerücht, dass sie Diebe seien, und bekämpfte sie brutal: Im November 1980 schoss die Polizei in eine Dorfversammlung und tötete eine ganze Einheit. Das waren die ersten Toten in einem „Zusammenstoß“ in DK. Es war ein traumatischer Rückschlag; die Genossen zogen sich auf das andere Ufer des Godavari zurück und gingen wieder nach Adilabad in Andhra Pradesh, doch 1981 kehrten sie zurück. Sie organisierten die Ureinwohner und forderten einen höheren Preis für Tendublätter, aus denen Bidi (indische Zigaretten) gerollt werden. Den Ureinwohnern war diese Art der politischen Tätigkeit völlig neu, und es war eine gewaltige Aufgabe, einen Streik zu organisieren. Der Streik war schließlich erfolgreich und der Preis wurde verdoppelt. Noch viel wichtiger war jedoch, dass die PWG zeigen konnte, was ein solcher Zusammenschluss und politische Verhandlungen wert waren, und einige wollten nun der Partei beitreten.

Die politischen Aktivitäten im Zusammenhang mit Tendublättern, Bambus und anderen Produkten aus dem Wald sind jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen. Das ständige Problem, der wahre Fluch für die Bevölkerung, war aber der größte Grundbesitzer: das Forstministerium. Die Beamten kamen jeden Morgen in die Dörfer wie ein Albtraum, um zu verhindern, dass die Leute ihre Felder bestellen, Brennholz sammeln, Blätter ernten, Früchte pflücken, das Vieh weiden … sie machten ihr Leben unmöglich. Sie kamen mit Elefanten, um die Felder niederzutrampeln, und verstreuten Babul-Samen, um das Land mit Unkraut zu überziehen. Sie verprügelten, verhafteten und erniedrigten die Menschen und zerstörten ihre Ernte. Aus der Sicht des Forstministeriums handelte es sich natürlich um Illegale, die gesetzwidrigen Tätigkeiten nachgingen, und das Ministerium sorgte nur für Recht und Ordnung. (Dass sie nebenbei die Frauen vergewaltigten, war nur recht und billig angesichts ihrer harten Arbeit.)

Aufgrund der Beteiligung der Bevölkerung an diesen Kämpfen traute sich die PWG, Widerstand gegen das Forstministerium zu leisten. Sie unterstützte die Leute beim Anbau in den Waldgebieten. Das Forstministerium schlug zurück und brannte die neuen Dörfer im Wald nieder. 1986 erklärte es einen Teil von Bijapur in Chhattisgarh zu einem Nationalpark, was die Räumung von sechzig Dörfern zur Folge hatte. Das Ministerium hatte schon mehr als die Hälfte der Menschen abgesiedelt und begonnen, Einrichtungen für den Nationalpark zu bauen, als die Partei in das Gebiet kam. Einige Beamte wurden gefangen, an Bäume gefesselt und von den Dorfbewohnern verprügelt. Es war eine kathartische Rache für die Ausbeutung von Generationen. Das Forstministerium ergriff schließlich die Flucht. Von 1986 bis 2000 verteilte die Partei rund 120 000 Hektar Wald an die Ureinwohner, so dass es heute in Dandakaranya keine landlosen Bauern mehr gibt.

Die sieben Einheiten, [die 1980 in das Gebiet gekommen waren], hatten ganze Arbeit geleistet. 60 000 Quadratkilometer standen unter ihrem Einfluss, tausende Dörfer mit Millionen Menschen.
Doch der Rückzug des Forstministeriums läutete die Ankunft der Polizei ein und damit begann ein blutiger Kreislauf: Die Polizei inszenierte „Zusammenstöße“, bei denen sie Dorfbewohner umbrachte; die PWG überfiel die Polizei. Die Landverteilung brachte neue Aufgaben: Bewässerung, Produktivität der Landwirtschaft und das Problem, dass die wachsende Bevölkerung immer größere Teile des Waldes rodete. Die PWG beschloss, die „Massenarbeit“ von den „militärischen Aufgaben“ zu trennen.

Heute wird Dandakaranya von einem ausgefeilten System von Janatana-Sarkars (Volksregierungen) verwaltet. Ihre Prinzipien und Statuten gehen auf die chinesische Revolution und den Vietnamkrieg zurück. Jede Janatana-Sarkar wird von einigen Dörfern gewählt, die zusammen jeweils fünfhundert bis fünftausend Einwohner haben, und hat neun „Ministerien“: Landwirtschaft, Handel und Gewerbe, Wirtschaft, Justiz, Verteidigung, Gesundheit, Öffentlichkeitsarbeit, Bildung und Kultur sowie ein Dschungelministerium. Mehrere Janatana-Sarkars bilden ein Regionalkomitee und drei Regionalkomitees einen Landkreis. In Dandakaranya gibt es zehn solche Landkreise.

Die ersten, die von der Kampagne gegen das Forstministerium profitierten, waren paradoxerweise die Mukhiyas (Dorfvorsteher), der Dvija-Klüngel, der über Arbeitskräfte verfügen konnte, vergleichsweise wohlhabend war und sich daher am Anfang relativ viel Land unter den Nagel reißen konnte. Schon bald trugen die Leute jedoch die „Widersprüche im Volk“ an die Partei heran, die sich daraufhin den Fragen von Besitz, Klassen und sozialer Gerechtigkeit unter den Ureinwohnern zuwandte. Die größeren Grundbesitzer sahen das Unwetter heraufziehen. Die Partei gewann und sie verloren an Einfluss. Die Menschen trugen Probleme zunehmend der Partei vor anstatt den Mukhiyas. Überkommene Formen der Ausbeutung wurden in Frage gestellt.

Vertreibungsfeldzüge

Da kommt Mahendra Karma ins Spiel, einer der größten Grundbesitzer der Gegend und damals Mitglied der Kommunistischen Partei Indiens (CPI). Im Jahr 1990 mobilisierte er eine Gruppe von Mukhiyas und Grundbesitzern für die Jan Jagran Abhiyan, eine „Kampagne für öffentliches Bewusstsein“. Ihr „Bewusstsein“ bestand darin, eine Truppe von dreihundert Mann zusammenzustellen, die im Wald auf Treibjagd ging, die Menschen umbrachte, ihre Häuser niederbrannte und die Frauen vergewaltigte. Die damalige Regierung von Madhya Pradesh schickte ihnen die Polizei als Verstärkung. In Maharashtra schlug eine ähnliche Truppe los, die sich „Demokratische Front“ nannte. Der Volkskrieg antwortete darauf in seinem eigenen Stil, d. h. einige der übelsten Grundbesitzer wurden umgebracht. Nach einigen Monaten verschwand die Jan Jagran Abhiyan.

Im April 2005 unterschrieb die BJP-Regierung von Chhattisgarh zwei Verträge für den Bau großer Stahlwerke. Im gleichen Monat gab Premierminister Manmohan Singh seine berühmte Erklärung ab, dass die Maoisten „die schlimmste Gefahr für die innere Sicherheit“ Indiens seien. (Das war gerade zu jenem Zeitpunkt nicht wirklich nachvollziehbar, denn die Kongresspartei-Regierung in Andhra Pradesh hatte die Maoisten gerade ausmanövriert. Sie verloren 1.600 Kader und ihre Organisation war weitgehend zerstört.) Die Erklärung des Premierministers sorgte für einen Höhenflug der Bergbau-Aktien. Außerdem war er ein Wink an die Medien, dass die Maoisten Freiwild waren. Im Juni 2005 organisierte Mahendra Karma ein Geheimtreffen von Mukhiyas im Dorf Kutru und gründete die Salwa-Judum („Säuberungsjagd“). Eine gesunde Mischung aus rustikaler Direktheit der Ureinwohner und Nazi-Volksempfinden der Hindus.

Die Salwa-Judum war im Gegensatz zur Jan Jagran Abhiyan ein echter Vertreibungsfeldzug. Die Bevölkerung sollte aus ihren Dörfern in Lager an den Straßen verfrachtet werden, damit die Polizei sie überwachen kann. Wehrdörfer sollten errichtet werden. Raman Singh, der BJP-Ministerpräsident von Chhattisgarh, erklärte, dass für seine Regierung alle Dorfbewohner, die nicht in die Lager gingen, als Maoisten betrachtet würden. Damit wurde jeder einfache Dorfbewohner in Bastar, der schlicht zu Hause blieb, zu einem gefährlichen Terroristen gemacht.

Von Juni bis Dezember 2005 zog die Salwa-Judum durch hunderte Dörfer im Süden des Flusses Dantewada, brannte sie nieder, mordete, vergewaltigte und plünderte. Ihr Einsatzschwerpunkt waren die Gemeinden, wo das neue Essar-Stahlwerk errichtet werden sollte. Dies waren keineswegs zufällig auch die Gemeinden, in denen die Maoisten am stärksten waren und wo die Janatana-Sarkar einiges geleistet hatten, vor allem beim Bau von Wasserspeichern. Die Salwa-Judum griffen vor allem die Janatana-Sarkar an. Hunderte Menschen wurden auf brutalste Weise ermordet. Rund 60 000 Menschen kamen in Lager, einige freiwillig, andere aufgrund der Terrorkampagne. Etwa dreitausend von ihnen wurden zu Angehörigen einer Spezialpolizei (SPO) ernannt und bekamen ein Gehalt von umgerechnet 25 Euro.

Die übrigen Menschen – mehrere hunderttausend – entgingen der Aufmerksamkeit der Regierung. Viele kamen bis nach Andhra Pradesh und Orissa, wo sie meist als Saisonarbeiter Chilischoten ernteten. Zehntausende flohen jedoch in die Wälder, wo sie immer noch sind, obdachlos. Sie suchen ihre Felder und früheren Dörfer nur tagsüber auf.

Im Gefolge der Salwa-Judum tauchten zahllose Polizeistationen und -lager auf. Man wollte mit flächendeckenden Sicherheitsmaßnahmen verhindern, dass das Gebiet wieder allmählich unter die Kontrolle der Maoisten gerät, und nahm an, dass sie es nicht wagen würden, eine solche Konzentration von Sicherheitskräften anzugreifen. Andererseits wurde den Maoisten klar, dass sie die Menschen, die ihnen vertrauten und mit denen sie 25 Jahre lang gelebt und gearbeitet hatten, nicht im Stich lassen konnten und sie daher etwas gegen die Polizeipräsenz unternehmen mussten. Also schlugen sie mit einer Reihe von Angriffen auf das Herz des Sicherheitsnetzwerkes zurück.

Die Gegenoffensive der Maoisten schwächte die Polizeipräsenz und verschaffte den Menschen eine Atempause. Die Polizei und die Salwa-Judum zogen sich in ihre Lager zurück, aus denen sie sich jetzt nur mehr mitten in der Nacht und in Meuten von dreihundert oder tausend Mann herauswagen, um Dörfer zu umzingeln und zu durchsuchen. Die Bevölkerung – bis auf die SPO und ihre Angehörigen – verließ nach und nach die Lager, um in ihre Dörfer zurückzukehren. Die Maoisten hießen sie willkommen und erklärten, dass selbst die SPO zurückkehren könnten, wenn sie ihre Taten aufrichtig und öffentlich bereuten. Viele junge Leute traten in die People’s Liberation Guerilla Army (PLGA) ein.

Die Salwa-Judum hatte nicht nur versagt, sondern sich ein Eigentor geschossen.

Wie wir heute wissen, war das nicht nur eine lokale Aktion von Schmalspurgangstern: Die Salwa-Judum war ein Projekt der Regierung des Bundesstaates Chhattisgarh und der Kongresspartei, die auf nationaler Ebene regierte. Einen Fehlschlag konnten sie angesichts all der Verträge und Projekte nicht akzeptieren. Die Regierung stand unter großem Druck, sich etwas einfallen zu lassen. Ihr neuer Plan war die Operation “Green Hunt”.

Eine Alternative zur Vernichtung

Die Veränderungen in den Gebieten unter maoistischer Kontrolle sind offensichtlich, obwohl viele Probleme weiter bestehen. Frauen haben viele Jahre lang einen Kampf innerhalb der Partei geführt, nicht nur für ihre Rechte, sondern auch um zu zeigen, dass Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen ganz zentral für die Vorstellung einer gerechten Gesellschaft ist. Im Jahr 1986 gründete die Partei die Organisation der Adivasi-Frauen (AMS), aus der die Revolutionäre Organisation der Adivasi-Frauen (KAMS) hervorging, die heute 90 000 Mitglieder hat und damit wohl die größte Frauenorganisation Indiens ist. Die KAMS kämpft gegen die Adivasi-Traditionen der Zwangsheirat und Entführungen; gegen den Brauch, dass Frauen während der Monatsblutung außerhalb des Dorfes, in einer Hütte im Wald wohnen müssen; gegen Bigamie und häusliche Gewalt. Sie haben nicht mit allem Erfolg, aber von welchen Feministinnen kann man das schon sagen? Selbst in Dandakaranya dürfen Frauen beispielsweise nicht an der Aussaat teilnehmen. Auf Parteiversammlungen erklären die Männer, dass das unfair ist und dass der Brauch abgeschafft werden sollte. Trotzdem lassen sie die Frauen nicht säen. Daher beschloss die Partei, dass die Frauen auf dem Gemeindeland im Besitz der Janatana-Sarkar säen können. Auf diesem Land bauen sie Getreide und Gemüse an und errichten kleine Bewässerungsdeiche. Natürlich ist das nur ein halber Sieg.

Mit dem Anstieg der Polizeirepression sind die Frauen der KAMS zu einer wichtigen Kraft in Bastar geworden, die Hunderte und manchmal Tausende mobilisieren, um sich der Polizei entgegen zu stellen. Allein die Existenz der KAMS hat das traditionelle Frauenbild radikal verändert und zahlreiche Diskriminierungen aufgeweicht. Für viele junge Frauen ist der Eintritt in die Partei – und besonders in die PLGA – ein Ausweg aus den sozialen Einschränkungen. Unter der Salwa-Judum richteten sich Vergewaltigungen und unmenschliche sexuelle Folter vor allem gegen die Mitglieder der KAMS. Viele junge Frauen, die das erleben oder mitansehen mussten, traten der PLGA bei. Frauen stellen nun 45 Prozent ihres Kaders.

Ein weiterer wichtiger Tätigkeitsbereich ist die Gesundheit. Viele Menschen, auch in der PLGA, haben schlechte Hämoglobinwerte. Es gibt Tuberkulosefälle, viele Kinder leiden an Mangelernährung. Außerdem grassieren Malaria, Bandwurmbefall, schlimme Ohrentzündungen, Zahnprobleme und primäre Amenorrhoe, d. h. Frauen sind während der Pubertät so unterernährt, dass sie nie die Periodebekommen. Osteoporose ist weit verbreitet. Es gibt keine Krankenhäuser oder Arztpraxen im Wald, nur ein oder zwei in Gadchiroli. Keine Ärzte und keine Medikamente.

Die Partei ist auch mit einer Reihe von Problemen in der Landwirtschaft beschäftigt. Nur zwei Prozent der Felder werden bewässert. In Abujhmad war das Pflügen bis vor zehn Jahren unbekannt. In Gadchiroli hingegen kommen schon Hybridsaatgut und chemische Pestizide auf. Die Landwirtschafts„ministerien“ der Janatana-Sarkars brauchen dringend Hilfe, vor allem mit Saatgut, biologischer Schädlingsbekämpfung und Permakultur (d. h. Waldgärten).

Die Menschen hier haben den Eindruck, dass sie unter die Räder kommen, nicht nur wegen der reichhaltigen Vorkommen von Bodenschätzen, sondern auch, weil sie der Welt ein Alternativmodell anzubieten haben.

Noch ist es keine Alternative, diese Gramswaraj (dörfliche Selbstverwaltung à la Gandhi) plus Waffen. Dafür gibt es zuviel Hunger und Krankheiten hier. Doch ganz offensichtlich wurde die Möglichkeit einer Alternative verwirklicht, vielleicht nicht für die ganze Welt, nicht für Alaska oder Neu-Delhi, vielleicht nicht einmal für ganz Chhattisgarh, aber für die Menschen hier, für Dandakaranya. Dandakaranya ist ein Geheimtipp für die Welt. Hier wurde eine Alternative zur Vernichtung geschaffen. Hier wird Geschichte gemacht. Entgegen allen Erwartungen haben die Menschen hier einen Plan für ihr eigenes Überleben gemacht. Dandakaranya und dieser Plan brauchen Hilfe und Fantasie, sowie Ärzte, Lehrer und Bauern.

Dandakaranya kann keinen Krieg brauchen. Doch wenn es Krieg gibt, wird Dandakaranya sich verteidigen.

Aus dem Englischen übersetzt von Gregor Kneussel, Original erschienen am 29. März 2010 in „Outlook“.