Widerstand in kleinen Geschichten

Ein Interview mit der libanesischen Filmemacherin Arab Loutfi

Die libanesische Filmemacherin Arab Loutfi über die Lage der Palästinenser/innen im Libanon, die Aufgabe von Film und Erinnerungskultur.

intifada: Sie sind eine in Ägypten lebende libanesische Filmemacherin, die sich mit der Palästina-Frage beschäftigt. Welche Identität ist die Ihre?

Arab Loutfi: Ich wurde in eine libanesische Familie in Saida hinein geboren. Heute fühle ich keinen Unterschied, was Identitäten anbelangt: Für mich sind die libanesische, palästinensische und sogar die ägyptische Identität nicht unterschiedlich. Die Palästina-Frage war immer ein integraler Bestandteil und hat mich hinsichtlich der Entwicklung meiner Persönlichkeit und Emotionen beeinflusst. Ich habe immer mit Palästinenser/innen innerhalb und außerhalb des Lagers gearbeitet und war auch im palästinensischen Widerstand aktiv, weil ich erkannt habe, dass die libanesische Bewegung das selbe ist wie die palästinensische. Ägypten hingegen ist für mich wie für alle Araber/innen das Mutterland – das zentrale Land der Arabischen Welt.

intifada: In Ägypten kamen Sie zum Film?

Loutfi: Ich habe in Ägypten studiert, lebte danach für ein paar Jahre im Libanon und danach wieder für ein paar Jahre in Ägypten. Nun pendle ich zwischen Kairo und Beirut – was für mich etwa so ist, als ob ich mich zwischen Hannover und Berlin bewegen würde. In Kairo habe ich am Institute of Cinema Film studiert. Abgeschlossen habe ich mein Filmstudium in den 1970er Jahren – einer politisch sehr bewegten Zeit. Danach schloss ich mich der Widerstandsbewegung an und entdeckte die Politik für mich. Filme machen war in dieser Zeit lediglich ein Hobby. Wir im Widerstand dachten, wir würden Geschichte schreiben und kümmerten uns nicht darum, Geschichte auch zu filmen; wir glaubten vielmehr daran, die Welt verändern zu können und waren uns unseres Sieges sicher. Heute denke ich noch immer, dass wir die Welt verändern können, aber es wird mehr Zeit brauchen. Erst, als ich nach 1982 nach Kairo zurückkehrte, ging ich wieder zum Film.

intifada: Filme zu machen war für Sie also ein weiteres Instrument zur Veränderung der Welt?

Loutfi: Nein, nicht ausschließlich im Film, sondern in politischer Arbeit allgemein. In den 1970er Jahren war die Stimmung überladen und wir gingen in einem leidenschaftlichen Kampf auf. Es war unmöglich, außerhalb des politischen Kampfes zu stehen. Heute ist das anders. Das Filmemachen ist ein Teil des politischen Kampfes geworden, aber eben nur ein Teil. So wie ich in Politik und Film beheimatet bin, so hängen auch meine Filme mit Politik zusammen.

intifada: Welche Art von Film bevorzugen Sie?

Loutfi: Bis jetzt bevorzuge ich Dokumentationen, da sie mir mehr Raum geben, um mich auszudrücken und ich meine Ziele damit besser erreichen kann. Ich mag Features, aber mit den heutigen Produktionsverhältnissen im Hintergrund ist es sehr schwer, keine Kompromisse einzugehen. Ich mag keine Kompromisse. Ich glaube nicht, dass ein guter Film ein Kompromiss sein sollte. Allerdings sind Dokumentarfilme derzeit schwieriger zu produzieren als Features, solange sie nicht Mainstream-Inhalte behandeln – Features haben den Beigeschmack von Unterhaltung.

intifada: Sie waren auf diesen Gebiet schon sehr erfolgreich, haben Filmpreise gewonnen.

Loutfi: Ja. Am Beginn meiner Laufbahn als Filmemacherin habe ich einige Preise gewonnen. Allerdings reiche ich nicht gerne Filme auf Filmfestivals ein, sondern schicke sie lieber zu Filmwochen, wo nicht miteinander konkurriert wird. Dort nämlich kann intensiv diskutiert werden mit Menschen, die allgemein Interesse am Film haben. Festivals, die Filmpreise vergeben, sind für gewöhnlich institutionalisierter und konkurrieren miteinander in einer Weise, die Menschen aggressiver werden lässt, weil alle gewinnen wollen. Ich mag dieses System nicht, weil man in einer solchen Atmosphäre zu Kompromissen neigt. Das kann dazu führen, dass man Filme einreicht, die man selbst weniger gut findet, von den anderen aber erwartet, dass sie sie lieben. Preise sagen nichts aus über die Qualität eines Films – manchmal sind Preisverleihungen politisch motiviert. Viele europäische Festivals orientieren sich an der gegenwärtigen politischen Situation, was mitunter bedeutet, dass man uns gegenüber nicht gerade freundlich gesinnt ist.

intifada: Wen meinen Sie mit „uns“?

Loutfi: Araber/innen, und im Speziellen Palästinenser/innen, die eine antizionistische Position vertreten. Es wird in Richtung „Normalisierung“ mit Israel gedrängt. Von unserem Widerstand wird in diesem Zusammenhang nicht als Widerstand gesprochen, sondern als Terrorismus.

intifada: Sie üben nicht nur Widerstand in Form politischer Filme, sondern auch als feministische Aktivistin. Warum?

Loutfi: Widerständig zu sein bedeutet, gegen all das anzukämpfen, was dich unterdrückt – im Politischen, im Sozialen. Widerstand ist ein sehr weiter Begriff, der passiven Widerstand genauso meint wie auch bewaffneten Kampf.

intifada: Was ist Ihr Hauptthema?

Loutfi: Man kann nicht von einem Thema sprechen. Aber vielleicht kann man sagen, dass ich bei jedem einzelnen Film von einem anderen Thema besessen bin. Ein sehr wichtiges Thema für mich ist die Erinnerung. Ich nehme oft die imperialistische Haltung wahr, Unwissenheit zu forcieren. Einher geht der Versuch, Menschen abzulenken und die geschichtliche Erinnerung zu löschen. Das alles wird getan, um den Widerstand zu brechen. Mein erster Film handelt von der Erinnerung an meine Geburtsstadt Saida und davon, den Geschichten der Menschen dort zu lauschen. Einen anderen Film habe ich gemacht über die Erinnerung an den Widerstand von Frauen, Guerilla-Kämpferinnen, und über ihr Verhältnis zu ihrem persönlichen Kampf. Ein anderer Schwerpunkt meiner Arbeit ist, der Palästina-Frage Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

intifada: Warum ist für Sie die Gedächtniskultur so wichtig?

Loutfi: Der Freiheitskampf in unserer Gegend geht zurück bis ans Ende des 19. Jahrhunderts. Immer wieder wurde versucht, die Geschichte zu verbergen und die koloniale Sichtweise zu stärken oder die Sichtweise der Bourgeoisie, die eng mit dem Kolonialismus verknüpft ist. Als ob sie die Weise ändern wollten, wie die Leute einander sehen. Folglich war es wichtig, einen Weg zu finden, das historische Gedächtnis der Menschen zu stärken. Es ist sehr wichtig, dass Menschen ihre Geschichte kennen. Andernfalls ist man nicht imstande, Klassenbewusstsein zu entwickeln. Es geht hier nicht ausschließlich um die Bewahrung von Tradition, sondern darum, wie man die Geschichte in einer Art und Weise verstehen kann, um die Realität der Menschen zu sehen. Geschichte ist ein Garant für die Fähigkeit der Menschen zu Veränderung.

intifada: Die eigene Geschichte wurde also verschwiegen, um den Widerstand zu brechen?

Loutfi: Nehmen wir beispielsweise Izzidin Qassam her, den Begründer der ersten bewaffneten Palästinensischen Organisation in den 1930er-Jahren. Sein Leben und seine Geschichte wurde bis in die 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts völlig ignoriert. Erst die Linke entdeckte ihn wieder und schrieb das erste Buch über ihn, weil seine Geschichte zeigt, dass es die Landarbeiter waren, die gegen die britische Besatzung kämpften. Der Kolonialismus und das reaktionäre Regime versuchten zu vermitteln, dass Palästina verloren wäre, weil die Palästinenser fortzogen und nicht Widerstand geleistet hätten. Sie wollten die Menschen innerlich besiegen und sie auf diese Weise kampfunfähig machen. Das aber entsprach nicht der Wahrheit. Die Menschen kämpften – und unsere Aufgabe ist es, zu zeigen, dass sie kämpften. Für mich bedeutet Gedächtnis, Menschen zu vermitteln, dass sie Teil einer geschichtlichen Revolution sind. Die reaktionären Regime versuchten nicht nur, dies zu vermeiden, sondern sie verhinderten auch, dass darüber gesprochen wurde. Das gilt nicht nur für die palästinensische Revolution, sondern auch für andere arabische Revolutionen.

Nach der algerischen Revolution etwa sprach niemand über die erste arabische Guerilla-Befreiungsbewegung im Golf-Gebiet. Warda, der Roman des ägyptischen Autors Sun’allah Ibrahim, handelt von dieser Revolution. Die Figur Warda ist inspiriert von der historischen Person Leila Fakhro, die verantwortlich war für die Bildung von Erziehungseinrichtungen in von der Guerilla kontrollierten Gebieten. Ihr Deckname war Huda, sie war aus Bahrain und starb vergangenes Jahr.

Ein Film von Heni Srour ist das einzige Dokument über die Revolution. Es handelt von der Involviertheit der Frauen in die Revolution und von einem Mädchen namens Tufoul, die an der Revolution teilnahm und getötet wurde. Viele meiner Freunde in Palästina nannten ihre Töchter daraufhin Tufoul. Diese Geschichte wird komplett ignoriert. Menschen sprechen über das Golf-Gebiet als von einem rückwärts gewandten Gebiet. Sie sprechen nicht über die große Revolution, die dort stattfand. Die Amerikaner und die Briten spielten die Hauptrolle bei der Revolution sowie bei der Folterung und Tötung von Menschen. In Saudi Arabien gab es massig Verhaftungen, Folter und Exekutionen – Oppositionelle wurden aus fliegenden Flugzeugen geworfen. All das ist Teil unserer Geschichte, aber diejenigen, die das Sagen haben, wollen nicht, dass die Menschen darüber Bescheid wissen, weil ansonsten nicht so weitergemacht werden könnte wie bisher.

Menschen wie ich, egal ob sie Filmemacher sind, Literaten, Aktivisten oder was immer, tendieren dazu, diese Geschichte bekannt zu machen. Interessanterweise wissen arme Menschen, sogar Menschen, die als ungebildet gelten, oft besser über die revolutionäre Geschichte ihres Landes Bescheid, als Intellektuelle, die in Europa leben. Die Aufgabe also ist, Geschichte zu schreiben vom Standpunkt des Volkes, nicht der Bourgeoisie oder der Imperialisten.

intifada: Was ist mit dem Standpunkt der Frauen?

Loutfi: Der Punkt ist folgender: Nehmen wir beispielsweise Heni Srour, die einen Film über die Revolution in Oman gemacht hat. Übrigens stammte sie aus einer libanesisch-jüdischen Familie. Sie war von diesem Thema angetan, weil sie entdeckte, dass die Befreiung der Frau für die Revolution ein Hauptthema war. Das bewog sie, in den Oman zu gehen. Dort entdeckte sie einen Bereich, wo Frauen innerhalb der Revolution eine bedeutende Rolle spielten – als Organisatorinnen, als Kämpferinnen, als Führerinnen. In vielen anderen Revolutionen wie beispielsweise den lateinamerikanischen, war die Frauenfrage nicht so gewichtig. Umso erstaunter war Heni Srour darüber, dass die Frauenfrage innerhalb der arabischen Welt so zentral war. Mein Film Tell your tale, little Bird handelt vom selben Thema, über Frauen, die die Hauptrolle im Widerstand spielten – üblicherweise wurden Frauen auf Nebenrollen reduziert.

intifada: Offensichtlich werden Frauen auch heute noch auf Nebenrollen reduziert. Warum beispielsweise gibt es hier im Jugendzentrum in Ain El Hilweh wenige bis gar keine weiblichen Aktivisten und welche Rolle spielt die Arbeit mit Frauen und Mädchen hier?

Loutfi: Ich denke, weil die Organisation Nashet [die vor Ort mit Jugendlichen arbeitet, Anm. d. Red.] neu ist und es Zeit braucht, um eine Tradition rund um den Ort und um eine Struktur aufzubauen. Die Menschen müssen sie erst kennen lernen. Menschen kommen wegen der Aktivitäten, die man anbietet, nicht, weil sie Frauen sind. Wenn man einen Computer-Kurs anbietet, kommen Frauen, weil sie etwas über die Benutzung von Computern lernen möchten – Mädchen, Jungen, alle, die interessiert sind. Es gibt kein Problem, wenn sich Jungen unter Mädchen mischen und umgekehrt. In einigen Bereichen bestehen dahingehend womöglich Probleme, aber hier nicht – weder im Libanon noch in Palästina oder Ägypten.

Allerdings braucht es mehr weibliche Rahmenorganisationen, weil es damit einfacher für uns wird, Frauen zu erreichen. Ich kenne das von meiner Arbeit als Filmemacherin. Wenn ich beispielsweise nach Oberägypten komme, bin ich gegenüber Männern privilegiert. Als Frau kann ich mich unter sie mischen, aber ich kann auch mit Frauen ins Innere ihres Hauses gehen – ein männlicher Filmemacher hingegen kann das nicht tun.

Frauenorganisationen haben grundsätzlich besseren Zugang zu Frauen. Das hilft. Die Themenauswahl für soziale Arbeit sollte jedoch eher auf den spezifischen Bedürfnisen der Leute vor Ort passieren als auf einem starren Gender-Fokus. In bäuerlichen Gegenden wird es notwendig sein, Menschen in anderen Dingen zu unterstützen als etwa in Lagern, wo Menschen womöglich ein Job-Training besser gebrauchen können, um später eine bessere Arbeit zu finden.

intifada: Wie können sich Europäer sinnvoll hinsichtlich der Palästina-Frage einbringen?

Loutfi: Genau das, was Sie gegenwärtig tun, nämlich: Versuchen, die Situation von Grund auf zu verstehen und zu sehen, was die Bedürfnisse der Menschen sind. Mehr zu wissen, bedeutet effizienter zu sein in der Solidaritätsarbeit und besser zu wissen, wie man unterstützen kann.

Man muss fähig bleiben, Ideen zu entwickeln und nicht mit einem Rezept kommen, das auf jede Situation angewendet werden kann. Palästinenserlager im Libanon unterscheiden sich von jenen in Syrien. Dort dürfen Palästinenser/innen arbeiten – man kann ihre soziale Lage nicht mit der Lager der Palästinenser/innen im Libanon vergleichen.

Etwas, das ich an europäischen oder westlichen NGOs nicht mag, ist: Sich aufzuführen, als ob man besser weiß, was die Menschen brauchen. Das ist eine koloniale Haltung. Das ist Bullshit! Du hast das Recht, mit den Menschen in Interaktion zu treten, aber du sollst lediglich ein Teil der Interaktion sein und nicht derjenige, der die Entscheidungen trifft.

intifada: Wie wird sich die Situation der Palästinenser/innen in den kommenden Jahren entwickeln?

Loutfi: Ich weiß es nicht. Der Kampf kann sich zum Guten oder zum Schlechten hin entwickeln. Es hängt davon ab, wie sich das Verhältnis mit den Israelis entwickelt, ob es zum Krieg kommt oder nicht und ob der Widerstand erfolgreich ist oder niedergeschlagen wird. Wir hoffen, dass der Widerstand aufrecht bleibt.

Wir glauben an radikale Lösungen und wir wollen diese auch. Wir wollen das Ende des zionistischen Staates und die Bildung eines demokratischen säkularen arabischen Palästinas. Zwei Staaten bedeutet, dass man einen kolonialen Staat akzeptieren muss. Nein! Wir wollen Palästina von seiner Besetzung befreien. Jeder Jude, jede Jüdin, der in Palästina bleiben möchte, ist willkommen und kann bleiben, wie die Palästinenser/innen in diesem säkularen, nicht-religiösen Staat. Ebenso wie das in Algerien geschehen ist. Das Konzept von Israel aber ist ein rassistischer Staat. Das können wir nicht akzeptieren.

intifada: Im Kampf für Gerechtigkeit in der Palästina-Frage bedienen Sie sich Ihrer beider großen Leidenschaften, des Films und der Politik?

Loutfi: Ich wurde in dieser Stadt geboren. Ich muss politisch sein. Unser aller Leben hier ist Politik. Meinen ersten Freund verlor ich aufgrund der Tatsache, dass er Syrer war. Während der israelischen Invasion von 1982 verlor ich zwei meiner besten Freunde. In Saida gibt es ein Massengrab, in dem viertausend Menschen liegen, die alle an einem einzigen Tag starben – am ersten Tag der Invasion. Ich verlor viele Menschen. Unser Leben ist politisch. Wir hatten nie ein normales Leben. Unsere Beziehungen sind davon betroffen. Alles ist von Politik beeinflusst. Sechs Jahre lang war es mir untersagt, Ägypten zu betreten. Meinem Ex-Freund und späterem Ex-Ehemann war es untersagt, den Libanon zu betreten. Wir mussten uns in Italien treffen, um über die Zukunft unserer Beziehung zu sprechen, für den Fall, dass ich nicht zurück nach Kairo dürfe. Hierzulande lebt man immer unter politischem Stress.

Die Menschen sind voller Erinnerungen. Denk zurück an den Workshop, den wir mit den Jungs gemacht haben. Wenn sie über ihre täglichen familiären Probleme sprechen, merkst du, wie politisch unser Leben ist. Es ist nicht die Frage, ob man an Politik interessiert ist. Für uns ist Politik unser Leben. Sie formt unser Denken in einer bestimmten Art und Weise. Sie setzt sich in dir fest. Wenn ich gefragt werde, wie ich mich mit dem Kino identifiziere, sage ich: „Ich bin nur ein politisches Tier und das Kino ist nur ein Werkzeug.“ Alle meine Leidenschaften sind politisch. Ein politischer Film ist eine Art des Selbstausdrucks und spiegeln unsere kleinen Geschichten wider.

Das Interview führte Anna Maria Steiner.