Die Innovationen des ägyptischen Volksaufstands

Ohne Führung und selbstverwaltet
Von Yasser Abdallahmi

Seit dem Abgang Mubaraks konzentrieren sich die arabischen und internationalen Medien auf die Rolle der virtuellen sozialen Netzwerke und der modernen Kommunikationsmittel im ägyptischen Volksaufstand. Sie vergessen dabei bewusst andere revolutionäre Innovationen der Ägypter im Kampf gegen den Diktator – die Demonstrationen, die ohne hierarchische Führung verliefen, und die selbstverwaltete Dauerkundgebung am Tahrir-Platz.

Die Taktik des Black Block tauchte zum ersten Mal im Deutschland der 1980er Jahre in der Antinuklearbewegung auf. Sie beruht auf der Ansammlung von Demonstranten in großen Blöcken, die sich durch schwarze Bekleidung und Masken von den übrigen Demonstrationsteilnehmern unterscheiden. Die Teilnahme am Black Block ist freiwillig und der Modus Operandi schließt die Existenz einer zentralen Führung aus.

Im Gegensatz zu den früheren Demonstrationen in Ägypten, die von Parteien und politischen Organisationen abgehalten wurden, hatten die Demonstrationen des Volksaufstands einen spontanen Charakter, was Mobilisierung und Bewegung betraf. Niemand fragte nach der Person und der politischen Identität des Nachbarn. Die erste Millionenmobilisierung am 28. Jänner war die Entscheidungsschlacht dieses Aufstands. Sie fand an einem Freitag statt, als eine große Anzahl von Menschen nach dem Freitagsgebet auf den Straßen war. Die Menschenmenge bewegte sich spontan in Richtung Hauptplätze. Die Dynamik ähnelt dem Black Block hinsichtlich der Spontaneität und des Fehlens einer zentralen Führung. Die Demonstrationen konnten ohne Führung bestehen, bis der Tahrir-Platz unter Kontrolle der Demonstranten gebracht undund die Truppen Mubaraks vertrieben wurden.

Temporäre autonome Zonen

In seiner Studie über temporäre autonome Zonen (TAZ) definiert der US-amerikanische Anarchist Hakim Bey diese Zonen als Orte, die vorübergehend von jeder Form hierarchischer Autorität isoliert werden. Als Beispiel führt er die sicheren Unterschlüpfe der Piraten (eng.: pirate utopias) an. Das Hauptmerkmal dieser Zonen ist das Entfallen der Autorität und die nicht hierarchische Kontrolle der Zone durch die Besatzung. Dies galt fünfzehn Tage lang für die Besetzung des Tahrir-Platzes vor dem Abgang Mubaraks und kurz danach. Andere verglichen den Platz mit der Pariser Kommune, wobei bestimmte Autoren gegen diesen Vergleich waren, weil die Besetzung von Tahrir keinen expliziten Klassencharakter hatte.

Als Teilnehmer an der Besetzung kann ich bestätigen, dass die Selbstverwaltung des Platzes unhierarchisch verlaufen ist. Es gab keine Form der Autorität. Auch die „Ordnungskomitees“ und „Schutzkomitees“ waren nur Namen von spontaner und momentaner Zusammensetzung, die sich nach Megaphonaufrufen bildeten und sich zur Abwehr zu einem der Platzeingänge begaben. Diese „Komitees“ bestanden aus jedem, der an der Besetzung, egal wie lange, teilnahm. Als Alarm geschlagen wurde, trugen alle Stöcke und Steine und gingen zu den Eingängen, um den Platz gegen die Angriffe der Schläger zu verteidigen. Dies war eine spontane Innovation des ägyptischen Aufstands. Das Fehlen einer zentralen Führung machte es dem Regime schwer, den Aufstand unter Kontrolle zu bringen. Das erklärt die wiederholte Forderung seitens der Vertreter des Regimes nach Bildung einer Führung, mit der sie verhandeln könnten.

Was nach dem Abgang Mubaraks?

Sobald Mubarak gegangen war, kamen Aufrufe zu Putzkampagnen und zur Verschönerung der Stadt. Es wurde aufgefordert, neue Bäume zu pflanzen, die Verkehrsregeln zu respektieren und auf den Straßen keine Mädchen zu belästigen. Dies war der Diskurs der städtischen Bourgeoisie, die sich ebenfalls in Opposition zu Mubarak befand, weil sein korruptes Regime auch ihre Entwicklung gehemmt hatte. Die städtische Bourgeoisie rebellierte nicht gegen das kapitalistische Regime, sondern gegen die Reste der mafiösen Militärbürokratie, deren Verwaltung die Entwicklung einer freien Marktwirtschaft im Lande behindert hatte.

Gleichzeitig brachen in mehreren Orten und Städten Arbeiteraufstände, die pure gewerkschaftliche Forderungen hatten, aus. Einige Initiativen kombinierten das Wirtschaftliche mit dem Politischen, wie jene der Postangestellten, deren Aufruf vom „Komitee der Postangestellten zum Schutz der Revolution“ unterzeichnet wurde.

Die Gefahr liegt in den Aufrufen der bürgerlichen Kräfte zur Einheit. Gemeint ist eine Einheit unter dem Banner der Bourgeoisie. Diese ist durch eine mögliche Radikalisierung des Aufstandes und seine potentielle Umwandlung von bloßen konstitutionellen Forderungen in eine soziale Revolution gegen die kapitalistische Ausbeutung und die Lohnarbeit verängstigt. Daher wird jeder Arbeiterstreik als eine sektiererische Aktion dargestellt, welche die Kräfte spaltet und zur falschen Zeit stattfindet. Einige stellen Arbeiterproteste sogar als eine Gegenbewegung, die vom alten Regime gesteuert werde, dar. Diese Stimmen klingen synchron mit den Warnungen des regierenden Militärrates vor allen Formen von Protesten und Demonstrationen.
Eine Radikalisierung der ägyptischen Intifada hängt von der Beteiligung und der Selbstorganisierung der Arbeiterkräfte gegen die Macht des Kapitals, des Staates und des Militärs ab. Das ist der einzige Garant für die Entwicklung des Aufstandes und seine Umwandlung in eine soziale Revolution.

Heute zeichnen sich drei Hauptszenarien für den ägyptischen Aufstand ab:

Der Aufstand beschränkt seine Forderungen auf die Verbesserung der Bedingungen des politischen Konfliktes und einige konstitutionelle Reformen, welche die Hauptelemente des sozialen und politischen Systems nicht in Frage stellen. Dies würde eine neue, weniger hässliche Auflage des Mubarak-Regimes bedeuten.

Die Entwicklung der sozialen Proteste der Arbeiter in eine Bewegung, die das Wirtschaftliche mit dem Politischen verbindet. Diese Weiterentwicklung der Arbeiter „von einer Klasse an sich in eine Klasse für sich“ würde den Aufstand in eine echte soziale Revolution verwandeln.

Das dritte und schlimmste Szenario ist die Entwicklung einer neuen faschistoiden Macht, welche die Rufe zu „Einheit“ für die Beseitigung jeder Pluralität ausnützt. Diese Gefahr kommt nicht nur von religiöser Seite, sondern auch von Populisten, welche die sozialen und antiimperialistischen Forderungen des Volkes teilweise erfüllen und im Gegenzug jede demokratische Entwicklung unterbinden.

Die Entwicklung der ägyptischen Intifada ist daher ungewiss. Sie ist ein Aufstand des Zornes, der das Stadium der Revolution noch nicht erreicht hat.