Der Dschinn ist los

Der ägyptische Autor und Journalist Chalid al-Chamissi über den Anteil ägyptischer Kunstschaffender an der Revolution, die Gefahren religiös motivierter Politik und die neu erlangte Freiheit.

intifada: Herr Chamissi, Sie sind Roman- und Drehbuchautor und Journalist. Welche Rolle spielen Literaten wie Sie in Ägypten vor und nach dem 25. Jänner?

Chalid al-Chamissi: Ich denke, bezogen auf die Revolution in Ägypten haben Menschen des kulturellen Lebens, wie Künstler oder Literaten, eine wichtige Rolle – das hatten sie bereits Jahre vor der Revolution. Revolutionen beginnen für gewöhnlich mit Ideen, nicht mit Demonstrationen. Wie können wir von der Französischen Revolution sprechen, ohne dabei an Jean-Jacques Rousseau, an Montesquieu oder an Diderot zu denken? Es ist unmöglich, über Lenins Revolution von 1917 zu sprechen, ohne dabei an Marx zu denken oder an die Revolution in Europa von 1968, ohne von Jean-Paul Sartre zu reden. Es beginnt immer mit Ideen. In Ägypten begann es mit revolutionären Ideen in allen kulturellen Bereichen. Ich gebe Ihnen einige Beispiele dafür: Von 2005 bis heute hatten wir in Kairo zwischen 30 und 40 neue Buchgeschäfte und letztendlich 50 neue Musikgruppen; etliche neue Verlagshäuser wurden gegründet. In fünf Jahren, von 2005 bis 2010, stieg die Zahl der Blogger von 20.000 auf 500.000. Sie können sich also vorstellen, dass diese Revolution stark kulturell geprägt war. Von der Revolution ergriffen wurde auch das Kino. Während in den vergangenen zwanzig Jahren nur idiotische Filme produziert wurden, gewannen im Jahr 2010 ägyptische Filme auf bedeutenden Filmfestivals. Auch das ist Revolution! Ohne die Tausenden von Kunstschaffenden wäre die Revolution nicht möglich gewesen. Am 25. Jänner waren Massen von Literaten und Künstler in den Straßen von Kairo, Alexandria und Suez. Wir überlegten gemeinsam, wie wir die Revolution unterstützen konnten, was wir tun konnten. Kino und Kunst allgemein waren völlig integriert in die revolutionäre Bewegung – stellvertretend für viele ist hier die aus dem Libanon stammende und in Ägypten lebende Filmemacherin Arab Lotfi zu nennen [siehe dazu das mit ihr geführte Interview Widerstand in kleinen Geschichten, in: intifada Nr. 32].

intifada: Würden Sie sich selbst als politischen Aktivisten bezeichnen?

Chalid al-Chamissi: Der Vater meines Großvaters war Rechtsanwalt und aktiv in der Revolution von Ahmed Urabi im Jahr 1881. Nach der Revolution war er in Tunesien im Exil. Durch das französische Protektorat konnte er wieder nach Ägypten einreisen und relativ normal leben. Die Revolutions-Idee ist also dementsprechend alt in meiner Familie. Als politischen Aktivisten würde ich mich aber nicht bezeichnen. Als Romanautor schreibe ich eine wöchentliche Kolumne in der ägyptischen Presse, um einen Stein in stehendes Wasser zu werfen und damit Ideengeber zu sein und Menschen in Richtung rationales Denken zu bewegen. Aber mein Traum als Autor ist es, Geschichten zu schreiben. In Ägypten sind wir aktuell an einem Wendepunkt der Geschichte angelangt. Wären wir das nicht, würde ich meine Anstrengungen und Energien ausschließlich darauf verwenden, fiktionale Literatur zu verfassen. Aber wir leben in einem entscheidenden Moment, und es gibt niemanden, der nicht versucht, die Zukunft Ägyptens politisch und soziologisch zum Besseren zu wenden. Aus diesem Grund bin ich derzeit auch journalistisch tätig.

intifada: Wäre die Entwicklungen in Ägypten bis hin zur Revolution Inhalt einer Ihrer fiktionalen Geschichten – wie würde diese Geschichte enden? Was ist Ihr Wunsch für Ihr Land?

Chalid al-Chamissi: In Ägypten wurde mit der Revolution von 1881 ein liberales und säkulares Projekt gestartet, das eine Vielzahl von Feinden hatte. Heute ist unsere Rolle, dieses Projekt zu finalisieren und eine Regierung zu bekommen, die liberal, rational und säkular für die tatsächliche Entwicklung der Menschenrechte eintritt. Wir alle wissen, dass wir dieses Projekt umsetzen müssen. Es war der Traum der Revolutionen von 1881 und 1990. Ich denke, wir setzen aktuell diese Ernsthaftigkeit der Revolution fort; sie ist dazu da, dem liberalen, demokratischen Projekt zum Erfolg zu verhelfen.

intifada: Welche Rolle spielt Religion im politischen Leben Ägyptens (Stichwort „Moslembruderschaft“)?

Chalid al-Chamissi: Es geht mir im Folgenden nicht um Religion an sich, sondern um die Instrumentalisierung von Religion zu Regierungszwecken. Das Erstarken der Moslembruderschaft und religiöser Strömungen allgemein ist eng verbunden mit dem Versagen unseres Projektes. Als wir große soziale und ökonomische Probleme hatten, war die Moslembruderschaft am stärksten. Im Grunde ist es ganz einfach: Wenn wir erfolgreich sein werden hin zu einer Entwicklung, die auf Menschenrechten basiert, werden weder Moslembruderschaft noch Religion Macht haben. Als von einem besseren Morgen geträumt wurde – ich nenne die Jahre 1919, 1925, 1930, 1935 oder die Zeit um das Ende der 1950er- und 1960er-Jahre, gab es keine solchen Mächte. Wenn wir von einem besseren Morgen träumen, hegen wir keinerlei politisch-religiöse Gedanken. Wir können diesen Traum aufrechterhalten, indem wir an unser säkulares Projekt und an menschliche Entwicklung glauben und dafür eintreten. Es ist unvorstellbar, dass diese politischen Ideen ohne unser eigenes Zutun verwirklicht werden. Unglücklicherweise verstehen das viele Ägypter und auch Europäer nicht. Viele Ägypter können das nicht nachvollziehen, weil sie noch völlig im Albtraum der letzten dreißig Jahre gefangen sind – in einem echten Albtraum, der ein Desaster für jede Familie war, für jede Person. Konservative Ideen werden noch Jahre lang andauern, aber sie werden verschwinden, wenn wir erfolgreich sein werden darin, unseren Traum zu verwirklichen. Ich spreche, wie gesagt, von politischen Aspekten von Religion, nicht von Religion selbst. Für Ägypten war Religion immer sehr wichtig. Wir sind sehr religiöse Menschen, was logisch ist, weil wir Bauern sind. Alles ist eine Gabe Gottes: im Land, im Wasser, überall ist Gott zu finden. Ägypter sind sehr religiöse Menschen. Wenn sich aber eine Regierung der Religion bedient, behauptet sie, mit Gott zu sein und vergleicht sich letztendlich mit Gott.

intifada: In diesem Fall hat sie immer Recht…

Chalid al-Chamissi: … und die anderen haben immer Unrecht, weil sie gegen Gott sind. Wenn du so gesehen mit Gott regierst, ist es aus, weil es keine Entwicklungsmöglichkeit mehr gibt, weil immer alles Wort Gottes ist.

intifada: In einem Vortrag im Mai in Graz haben Sie die Ägyptische Revolution mit einem Geist verglichen, der aus der Flasche kam.

Chalid al-Chamissi: Es ist kein Geist, sondern ein wunderbarer Dschinn, der über tausend Jahre in der Lampe eingesperrt war. Erst die Revolution hat diesen Dschinn aus seinem Gefängnis befreit. Die Diktatur, die Stagnation und die Verbote haben die Träume der ägyptischen Menschen eingesperrt. Der Dschinn ist der Traum der Ägypter, und dieser Traum war ruhig gestellt. Jetzt hat jeder Ägypter einen Traum für morgen. Nun ist alles möglich – ein Morgen ist möglich. Wir erleben heute in Ägypten ein echtes Dampfablassen. Es bedeutet, dass Menschen Anteil nehmen können und wollen, dass sie sich Wahlen stellen, Freiheit und Demokratie erfahren und erlernen wollen. Die Menschen sind neugierig, wollen erfahren, wie Dinge funktionieren – Freiheit zum Beispiel. Und auch für mich ist eine wesentliche Frage im Zusammenhang mit der Ägyptischen Revolution, was Freiheit bedeutet. Der Dschinn ist aus der Flasche, und alles ist möglich.

Das Interview führte Anna Maria Steiner