Vom Tahrir-Platz nach Europa

Zu Beginn dieses Jahres erzählte man sich im arabischen Raum den Witz, dass das nächste arabische Gipfeltreffen eine Kennenlern-Runde sein würde; dass nämlich der arabische Frühling die altbekannten Staatsoberhäupter allesamt wegfegen werde. Im Herbst nach dem Frühling wird deutlich, dass diese Vorstellung zu optimistisch war.

Tatsächlich, und das ist Thema vieler Beiträge dieser Nummer der Zeitschrift Intifada, sind die arabischen Aufstände der letzten Monate nur der Beginn eines langen und komplexen Prozesses. Mancherorts hat er die Diktatoren abgesetzt, aber hängt jetzt in den Mühen der Ebene. Andernorts ist er zum Einfallstor des Westens geworden oder könnte es werden. Oder er rennt gegen Regime an und droht daran zu verbluten. Deutlich ist geworden, dass es mancherorts mehr, andernorts weniger, aber letztlich überall an politischer Weitsicht, Strategie und Führung fehlt. Die Kehrseite der unabhängigen, spontanen und virtuellen Jugendrevolte.

Dennoch, die Aufstände haben die Verhältnisse gehörig ins Wanken gebracht. Dazu gehört auch, dass das Alte untergeht, während sich das Neue noch nicht entwickeln konnte. Dies mag für die arabische Linke gelten, die sich gerade entzweit. Das Neue ist aber auch, dass der politische Islam seine Rolle als Führung des Widerstandes verloren hat. Man sollte dennoch keine voreiligen Schlüsse ziehen. Es braucht noch mehr, damit die verarmten Massen einer revolutionären Führung folgen, ja, damit sich eine solche überhaupt bilden kann.

Neu ist auch, dass die Dynamik der arabischen Aufstände bis nach Europa ausstrahlt. Die Protestbewegungen in Griechenland und Spanien beziehen sich in Form und Inhalt auf den arabischen Frühling. Zwar sind die Erschütterungen vor allem hierzulande noch nicht fühlbar. Doch das mag sich mit dem Fortschreiten der Eurokrise ändern. Zumal mit Italien ein europäisches Kernland ins Wanken kommt.