intifada 29

Civikov, Germinal: Srebrenica. Der Kronzeuge

intifada 29
Wien: Promedia Verlag, 2009 (184 S., br., 15,90 Euro, ISBN 978-3-85371-292-4)
Von Elisabeth Lindner-Riegler

Am 5. März 1998 wurde der bosnische Kroate Dražen Erdemović vom Jugoslawien- Tribunal zu fünf Jahren Gefängnisstrafe verurteilt, er saß davon dreieinhalb Jahre ab und lebt heute als freier Mann. Erdemović bekannte sich des Verbrechens schuldig, am 16. Juli 1995 im Rahmen eines Massakers an 1200 muslimischen Zivilisten auf der Branjevo-Farm unweit von Zvornik 70 bis 100 gefangene Bosnier getötet zu haben. Dabei sei ihm als einfachem Mitglied der 10. Sabotageeinheit der bosnisch-serbischen Armee (VRS) keine Wahl geblieben als zu töten, im nicht selbst getötet zu werden, sagte Erdemović. Die Richter zeigten Verständnis, viel Verständnis und Nachsicht, denn sie hatten in Erdemović den Kron­zeugen gefunden, den ihr Tribunal brauchte, um diejenigen des Verbrechens gegen die Menschlich­keit zu verurteilen, die für sie die Kriegsverbrecher im Jugoslawien-Krieg waren.

Die Geschichte von Erdemović begründete den internationalen Haftbefehl gegen Karadžić und Mladić und Erdemović war Zeuge der Anklage in vier Prozessen: "Am 5. Mai 1996 gegen Radovan Karadžić und General Ratko Mladić, am 22. Mai 2000 gegen den bosnisch-serbischen General Radislav Krstić, der wegen Völkermords bei Srebrenica zu 46 Jahren verurteilt wurde, am 25. August 2003 gegen den früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic und am 7. bis 8. Mai 2007 gegen Vujadin Popović und sieben weitere Offiziere der bosnisch-serbischen Armee." (S. 33)

Muslimgauze: Der gefallene Kämpfer

intifada 29
Von Charlotte Malterre

Die Künstler-Szene der Gegenwart zeichnet sich heute oft dadurch aus, dass sie betont, wie unpolitisch sie sei. Sänger und Musiker distanzieren sich von jeglichen mutigen politischen Aussagen und predigen den „Mittelweg", um negative Berichterstattung zu vermeiden. Das genaue Gegenteil davon war Muslimgauze.

Muslimgauze zählte nicht zur Mainstream- Musikindustrie – er galt und gilt vielmehr als Geheimtipp. Besonders politisch engagierte Menschen und Aktivisten wünschten sich, öfter derartige Musik hören zu dürfen. Verkörpert wurde Muslimgauze durch den in Manchester ansässigen Musiker und DJ Bryn Jones. Selbst wenn man elektronische Musik nicht mag, lohnt sich ein kurzer Blick auf Muslimgauze, einen der kompromisslosesten pro-arabischen Musiker unserer Zeit:

Editorial

intifada 29
Von Stefan Hirsch

Die Situation in Afghanistan eskaliert. Die NATO scheint die Kontrolle über einen Teil des Landes verloren zu haben. Ein von deutschen Truppen befohlenes Massaker und der Wahlbetrug des Präsidenten Karsai sind zum Public Relations-Desaster für die Besatzer geworden.

Diese Entwicklung ist keineswegs unbedeutend: Nach dem erzwungenen Kompromiss im Irak, den halben israelischen Niederlangen im Libanon und im Gazastreifen ist der Zusammenbruch der Afghanistan-Strategie ein weiterer Rücksetzer. Neben der Wirtschaftskrise sind es gerade diese politischen Probleme, die das Weltsystem erschüttern. Die unipolare Welt des amerikanischen Imperiums wankt. Schwierig ist nur, dass neben der Krise des Imperiums, auch die Krise echter Opposition andauert. Diesen Problemen folgt die vorliegende Ausgabe der Intifada.

Psychiatrie in Bethlehem, Wahnsinn in Gaza

intifada 29
Über die Orientierungslosigkeit der palästinensischen Befreiungsbewegung
Von Mohammad Aburous

Im August vereitelte die Hamas den Versuch der Salafiten, das "Islamischer Emirat Gaza" zu erichten. Fast zur selben Zeit hielt im Westjordanland Fatah ihren sechsten Parteikongress ab.

Der Name Bethlehem hängt in Palästina nicht nur mit dem Geburtsort von Jesus zusammen, sondern auch mit Psychiatrie, denn in dieser Stadt befindet sich das einzige psychiatrische Krankenhaus im Westjordanland. In der Volkssprache wird über einen Psychiatriereifen gesagt: Ab nach Bethlehem!

1. Der Fatah-Kongress

Umstrittener Waffenstillstand

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Über die Politik der Hamas
Von Wilhelm Langthaler

Die Kritik der Salafiten gegen die Hamas richtet sich vor allem gegen den Waffenstillstand mit Israel. Diese politische Auseinandersetzung provoziert historische Vergleiche.

Im Sommer eskalierte der Konflikt zwischen der in Gaza herrschenden Hamas und den militanten Salafiten erstmals in einer Form, die auch vom Westen wahrgenommen wurde. Doch wie lässt sich die blutige Auseinandersetzung erklären? Radikal-Islamisten gegen – ja, wen nun eigentlich? – vielleicht Radikal-Radikal-Islamisten, um in der Methodik der westlichen Medien zu bleiben, die "radikalislamisch" als Prädikat der moralischen Verwerflichkeit benutzen.

Schwedischer Antisemitismus?

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Die Debatte über den Organhandel Israels
Von Mohammad Aburous

In einer schwedischer Zeitung erschien ein Bericht über Organhandel mit palästinensischen Leichen. Israel zog ein altbekanntes Register: den Antisemitismusvorwurf.

Die Reaktion der israelischen Regierung auf den schwedischen Zeitungsbericht über Organhandel (1) ähnelt in ihrem karikaturistischen Ausmaß der Reaktion einiger islamischer Länder auf die geschmacklosen dänischen Karikaturen. So eine Reaktion war zu erwarten von einer Besatzungsmacht, die seit Jahren ungestraft für mehrere Kriege und Menschenrechtsverletzungen in der Region verantwortlich ist. Der Antisemitismusvorwurf ist hier eine Farce.

Gaza – Tibet

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Überlegungen zum Nachdenken
Von Charlotte Malterre

Das Engagement für Tibet gehört heute zum guten Ton. Doch wer für die Palästinenser oder gar für die politische Anerkennung der Hamas eintritt, der gerät schnell ins Abseits.

Als der Intercityzug Genf-Zürich in Bern, der Hauptstadt der Schweiz hält, erregen wehende tibetische Fahnen meine Aufmerksamkeit. Als die Fahnenträger in den Zug steigen und an mir vorbei zu ihren Sitzen gehen, schaue ich sie mir genauer an. Wer sind diese Leute, die an einem sonnigen Samstag in dieser ach so neutralen Schweiz für die Freiheit Tibets demonstrieren? Zunächst einmal Tibeter , dann Leute wie Großmütter mit kleinen Fahnen an den Rucksäcken, junge Leute, Familien ...

… und es gibt ihn doch

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Antiimperialistischer Impetus des Iran
Von Wilhelm Langthaler

Die Präsidentschaftswahlen im Iran liegen nun schon lange genug zurück, um ihre enorme globale Bedeutung nüchterner einschätzen zu können.

Nicht umsonst lag der Fokus der Weltpolitik wochen-, wenn nicht monatelang auf den Wahlen in der Islamischen Republik Anfang Juni 2009. Mit der Präsidentschaft Ahmadinedschads war der Iran für die USA abermals zum wichtigsten staatlichen Feind aufgestiegen. Das lag nicht nur an der konfliktfreudigen und bisweilen sogar verbal provokativen Politik des Präsidenten, sondern zu einem guten Teil auch an den Ereignissen im Irak, wo die USA dem Widerstand nur Herr zu werden vermochten, indem sie dem Iran das Feld überließen.

Anything new, Mr. President?

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Zu Obamas Außenpolitik
Von Mohammad Aburous

Der US-Präsident zog in den Wahlkampf mit dem Versprechen eines grundlegenden Wandels. Doch kann er tatsächlich eine politische Veränderung herbeiführen?

Vor einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Diskurs des neuen amerikanischen Präsidenten muss festgestellt werden, dass die acht langen Jahre seines Vorgängers George W. Bush dafür sorgten, dass schon der Abgang von Bush als Person an der Spitze der US-Politik von vielen als eine historische Wende angesehen wurde. Da musste Obama nicht viel dazu tun. Er übernahm seine Funktion jedoch im Zeichen einer Weltwirtschaftskrise, mitten in zwei angefangenen und nicht beendeten Kriegen und im Schatten einer zu unterschiedlichen Graden vertieften Feindschaft der USA mit dem Rest der Welt.

Das "Terrorproblem“ der Türkei

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Amerikanische Seilschaften
Von Mustafa Ilhan

Ein 25-jähriger Krieg mit über 40.000 Toten - darunter die Morde an 17.000 kurdischen Oppositionellen in den Neunzigern - das ist die Geschichte der Türkei.

Nun lässt die AKP-Regierung mit sensationellen Reformen zugunsten der Kurden aufhorchen und gerät dabei in Konflikt mit der alten Oligarchie. Ist eine Lösung des historischen türkisch-kurdischen Konfliktes absehbar? Ist das im Rahmen der weiter bestehenden westlichen Hegemonie denkbar?

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